Dossier: Digitalisierung

Der digitale Umbruch

Mehr als nur Technik: Die Digitalisierung ändert unser Lernen, unsere Arbeit, unser Leben. Doch Vorsicht vor Hypes: So wird auch Big Data die klassische Wissensproduktion nicht ersetzen können.

Selbstfahrende Autos, Roboter im Haushalt, Internetkriminalität und Fake-News: Es gibt kaum einen Lebensbereich, der heute nicht ansatzweise digitalisiert ist. Die Arbeitswelt etwa ist im Umbruch: Neue Informations-, Kommunikations- und Medientechnik verändert das Verhältnis von Menschen zu Maschinen. Prozesse der industriellen Produktion werden zunehmend vernetzt, automatisiert und digitalisiert. Laut Franz Fidler, Leiter des dualen Studienganges Smart Engineering of Production Technologies and Processes an der FH St. Pölten, ist die Industrie 4.0 ein sozio-technisches System: Neue Technologien, die Art, wie Menschen arbeiten und wie Organisationen und Firmen damit umgehen, hängen eng zusammen. Die Entwicklung zur Industrie 4.0 fügt sich in eine Reihe bisheriger Transformationen im Produktionsbereich.

„Die Lernräume der Zukunft werden nicht nur in vier Wänden und Gebäuden liegen. In den realen Raum werden virtuelle Objekte eingebunden. Dadurch ändern sich Lernen und Lehren."

Franz Fidler, Studiengangsleiter Digitale Medientechnologien und Smart Engineering

Ähnlich sieht es Johann Čas vom Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „Industrie 4.0 ist das Fortführen von Automatisierungs- und Vernetzungstendenzen, die seit Jahrzehnten stattfinden.“ Studien zur Auswirkung auf die Zahl der Arbeitsplätze sind widersprüchlich – von Verlusten bis zu Zunahmen reicht die Bandbreite. Zwei Sichtweisen dominieren laut Fidler die Diskussion um Arbeitsplatzeffekte durch die digitale Produktion: Bei der ersten würden Menschen an Maschinen nur noch Bedienoberflächen verstehen müssen, jedoch nicht die Prozesse dahinter. Die Arbeitswelt wäre zweigeteilt in jene, die Geschäftsmodelle entwickeln und gut ausgebildet sind, und jene, die mit einer verkürzten Ausbildung nur noch ausführen. Das zweite Modell geht davon aus, dass MitarbeiterInnen auf allen Ebenen in die Technik eingreifen und tiefergehendes Wissen haben müssen. Dies würde eine höhere Ausbildung für alle nötig machen. „Es wird beides passieren. Es wird keine Entweder-oder-Entscheidung sein“, sagt Fidler.

Firmen suchen laut Fidler MitarbeiterInnen, die das Unternehmen in eine digitale Zukunft führen können. Dafür brauche es neben technischem Fachwissen ein Paket an sozialen und Handlungskompetenzen, um die richtigen Entscheidungen in der sich ändernden Arbeitswelt treffen zu können. In Projekten erhob die FH St. Pölten das Angebot der einschlägigen Bildungsangebote in Österreich und verglich dieses mit dem Bedarf der Unternehmen oder berät regionale Unternehmen, um deren Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter zu stärken.

Digitale Hochschule

Digitalisierung bietet auch Chancen und Herausforderungen für Hochschulen. Das deutsche Hochschulforum Digitalisierung hat 20 Thesen zur Digitalisierung der Hochschulbildung veröffentlicht. Durch digitale Lehr- und Lernangebote ließen sich neue Zielgruppen erreichen und könnte die internationale Mobilität gefördert werden. Kollaboratives Arbeiten und studierendenzentriertes Lernen könnten durch die Digitalisierung gefördert werden. Innovationen im Bereich der digitalen Lehre seien jedenfalls nicht nur technische, sondern auch didaktische, curriculare und organisatorisch-strukturelle. Als mögliche Hemmnisse oder Spannungsfelder auf dem Weg zur Digitalen Hochschule sieht das Thesenpapier mangelnde strukturelle und strategische Vorbereitung, komplexe Aushandlungsprozessen zwischen Akteurinnen und Akteuren, die Finanzierung der Maßnahmen und rechtliche Herausforderungen, etwa im Bereich des Urheberrechts.

Die Österreichische Bundesregierung hat eine Digital Roadmap erstellt, die in zwölf Handlungsfeldern circa 150 Maßnahmen beschreibt, um Österreich erfolgreich in eine digitale Zukunft zu führen. Als zweites von zwölf Leitprinzipien steht in der Roadmap: „Digitale Bildung soll möglichst früh beginnen. Kein Kind soll ohne digitale Kompetenzen die Schule verlassen.“ Im Kapitel zur Bildung geht es, auch zu Hochschulen und Weiterbildung, ins Detail: Teilhabe an der Gesellschaft setze in Zukunft digitale Kompetenzen voraus und digitale Medienkompetenz werde zum Bestandteil der Grundbildung werden. Dazu gehöre auch der kritische und reflektierte Umgang mit neuen Technologien. Fach- und berufsbezogene Qualifikationen in den wesentlichen IT-Entwicklungsbereichen müssten gestärkt werden und ein Schlüsselfaktor für die Ziele sei die Aus- und Weiterbildung von Pädagoginnen und Pädagogen. Mehrere Projekte der FH St. Pölten untersuchen, wie digitale Technologien in der Lehre eingesetzt werden können. „Die Lernräume der Zukunft werden nicht nur in vier Wänden und Gebäuden liegen. In den realen Raum werden virtuelle Objekte eingebunden. Dadurch ändern sich Lernen und Lehren“, sagt Fidler.

Räume für den digitalen Wandel: Haus der Digitalisierung NÖ

In Niederösterreich wird das erste virtuelle Haus der Digitalisierung Österreichs ins Leben gerufen. Es versteht sich als regionales Ökosystem aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung, das Unternehmen unterstützt, gemeinsam forscht und der Bevölkerung Einblicke in die digitale Transformation bietet. Physisch soll das Haus der Digitalisierung nach 2020 in Tulln entstehen, derzeit arbeitet ein Netzwerk an Institutionen digital zu dem Thema zusammen. Mehrere Knotenpunkte in Niederösterreich sind am Netzwerk beteiligt, die FH St. Pölten ist einer davon.

Big Data in der Wissenschaft

Digitalisierung und Big Data, also der Zugang zu großen Datenmengen und die Möglichkeit, diese zu verarbeiten, gelten als große Hoffnung zum Finden neuer Erkenntnisse. Informationen, die bisher verstreut waren, können vernetzt und mit neuen technischen Möglichkeiten automatisiert analysiert werden. Doch ganz so einfach ist dies nicht, erklärt Wolfgang Aigner, Leiter des Instituts für Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten. „Datenbergen die Komplexität komplett nehmen zu wollen, ist der falsche Ansatz. Dann besteht die Gefahr der Übersimplifikation. Man muss Zugänge zur vorhandenen Komplexität schaffen, um sie handhabbar und verständlich zu machen“, sagt Aigner. Er nutzt das Verfahren der Datenvisualisierung, um in großen Datenmengen Muster zu erkennen und verwendet einen Ansatz, den er „Human-in-the-loop“ nennt: Verzahnt mit automatischen Analysen stehen immer Menschen, die die automatischen Verfahren steuern und Muster mit ihrem Hintergrundwissen interpretieren. „Menschen können mit unsicheren, widersprüchlichen und fehlenden Informationen umgehen, automatische Datenanalyseverfahren kaum“, so Aigner.

„Der Big-Data-Hype ist durchaus kritisch zu hinterfragen. Große Datenmengen können die klassische Wissensproduktion nicht ersetzen. Die wachsende Menge und Vielfalt an Daten in Unternehmen und öffentlicher Verwaltung bedarf früher oder später ihrer automatisierten Verarbeitung und des kosteneffizienten Managements."

Tassilo Pellegrini, FH-Dozent am Department Medien und Wirtschaft

Doch große Datenmengen bestehen nicht automatisch aus sinnvollen und richtigen Daten. „Oft halten Menschen Daten automatisch für Fakten. Daten können falsch sein und bleiben Daten. Fakten stimmen – oder es sind keine Fakten. Ein Analyseergebnis aus vielen Daten ist nicht automatisch belastbarer, als eines aus wenigen Daten“, sagt Pellegrini. „Daten sind, auch wenn sie stimmen, nicht per se objektiv“, ergänzt Aigner. Es bleibt die Frage, wie, von wem und zu welchen Zweck sie erhoben wurden – und was nicht erhoben wurde – und zu welchen Lizenzbedingungen man sie weiterverwenden darf.

Selbstfahrende Autos

Bereits heute saugen in vielen Haushalten Roboter Zimmer oder mähen Rasen, bei Smarthomes lassen sich Heizung und Jalousien von unterwegs fernsteuern, Technik im Haushalt könnte alte Menschen und Personen mit Beeinträchtigungen unterstützen. Zukünftig könnten auch Herzschrittmacher mit dem Internet verbunden sein und medizinische Daten übertragen. Digitalisierung betrifft auch den Verkehrsbereich. Bei selbstfahrenden Autos sind neben der technischen Entwicklung noch viele rechtliche und ethische Fragen offen: Wie soll das Auto reagieren, wenn ein Zusammenstoß mit einem Kind am Zebrastreifen nur noch verhindert werden kann, indem das Auto gegen eine Mauer, in den Gegenverkehr oder in eine Menschenmenge am Straßenrand fährt? Wer haftet bei Unfällen – Herstellerfirmen, ProgrammiererInnen, LenkerInnen oder AnbieterInnen des Mobilitätsservices? Laut Frank Michelberger, Leiter des Carl Ritter von Ghega Instituts für integrierte Mobilitätsforschung der FH St. Pölten, muss auch das Sicherheitsempfinden der Menschen berücksichtigt werden. „Einem Verkehrssystem ohne Menschen wird meist nicht vertraut“, sagt Michelberger. Ähnlich sieht es Johann Čas vom Institut für Technikfolgenabschätzung: „Digitalisierung braucht begleitende Maßnahmen. Der Mensch sollte dabei immer im Mittelpunkt stehen.“

Studienangebot zum Thema an der FH St. Pölten

Studiengänge mit Schwerpunkt Digitalisierung

Studiengänge mit Aspekten der Digitalisierung im Curriculum

Weiterbildungslehrgänge zum Thema Digitalisierung