Neue Technologien erlauben den Zugriff auf immer größere Datenmengen, die ausgewertet werden können: Big Data, Internet of things und Blockchain besitzen das Potential, Alltag und Handel komplett zu revolutionieren. Firmen könnten zukünftig effizienter produzieren und die Wissenschaft dank besserer Daten völlig neue Erkenntnisse gewinnen – heißt es.  

Doch was ist dran am Hype? Glänzt tatsächlich alles im Eldorado der Bits und Bytes? Vor kurzem warnte etwa der deutsche Mathematiker Gerd Antes in einem Interview in der Tageszeitung „Der Standard“, dass uns Big Data in eine Falle führen könne. Er spricht von einem „Big Data Paradox“: Mehr Daten seien mitunter irreführend und gut ausgewählte Stichproben könnten mitunter ebenso gute Ergebnisse liefern. Big Data führe nicht (automatisch) zu mehr Wissen.

Als Beispiel nennt Antes absurde Zusammenhänge, die sich in großen Datenmengen entdecken ließen, wie die Korrelation zwischen dem täglichen Käsekonsum mit der Anzahl jener Menschen, die sich mit dem eigenen Bettleintuch erdrosseln.

Künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit

Analog warnte die deutsche Philosophin Lisa Herzog in ihrem Blog „Besser arbeiten“ auf „Zeit online“ unlängst vor einer gefährlichen Kombination aus künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit: Statt die Probleme der Menschheit zu lösen, arbeite Künstliche Intelligenz vielmehr der Kommerzialisierung zu. Sie filtere Nachrichten von Menschen gleicher Meinung, führe diese zusammen und schaffe so Echokammern.

Digitale Medientechnologien beeinflussen nahezu jeden Bereich unseres täglichen Lebens. Aber es geht nicht nur um Technologie, sondern darum, was Menschen damit tun.

Wolfgang Aigner, Leiter des Instituts für Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten

Wolfgang Aigner, Leiter des Instituts für Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten, beschäftigt sich in seiner Forschung vor allem mit der Visualisierung großer Datenmengen, um sie anschaulicher und besser verständlich zu machen und leichter Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Laut Aigner ist Big Data sowohl Hype als auch Chance, in Buzzword, das für alles und jedes verwendet wird. Aber auch eine Realität, die Herausforderungen mit sich bringt.

„Obwohl die Datenfülle völlig neue Möglichkeiten für den technischen Fortschritt und den wirtschaftlichen Erfolg eröffnet, halten die Methoden, um Daten zu analysieren und Entscheidungsprozesse zu unterstützen, oft nicht Schritt. Forschungsdisziplinen wie Data Science, Big Data Analytics, Visual Analytics oder Machine Learning versuchen die Lücke zu schließen“, erklärt Aigner.

Sinnvolle Einsätze seien etwa Diagnosen in der Medizin mit Hilfe von maschinellem Lernen oder Vorhersagemodelle in der Klimaforschung.

Richtige Fragen stellen

Große Datenmengen allein sind Aigner zufolge jedoch kein Allheimmittel. Die richtigen Fragen müsse man immer noch selber stellen – erst dann könne Big Data möglicher Weise helfen, Antworten zu finden.

„Große Datenmengen sind nur durch Vereinfachungen automatisch bearbeitbar. Dann fehlen oft Hintergrundinformation und -wissen. Daher liegt das größte Potential in sogenannten Human-in-the-Loop-Systemen, bei denen der Mensch zentrales Element im Wissensgewinnungsprozess bleibt, um jene Bereiche abzudecken, die nicht sinnvoll automatisiert werden können“, so Aigner.

Vorsicht mit Modellen und Vorhersagen

Marlies Temper, Leiterin des Studiengangs Data Science and Business Analytics an der FH St. Pölten, sieht es ähnlich: „Big Data und künstliche Intelligenz sind hilfreich, aber man muss aufpassen. Modelle zum Unterstützen von Entscheidungen müssen gut trainiert sein und auf umfangreichen Daten basieren. Dazu ist es wichtig, Daten zu teilen und zusammenzutragen. Aber viele Unternehmen wollen auf ihren Daten sitzen bleiben und sie nicht hergeben.“

So entstünden etwa Analysen zur Gesellschaft, die mitunter nur auf Informationen zu einer eingeschränkten Gruppe basieren – zum Beispiel weiße Männer zwischen 30 und 40, die in Sozialen Medien gewisse Dinge kommentieren. Die wissenschaftlichen Grundlagen hinter Daten, Modellen und Vorhersagen sollten gut beherrscht werden.

Nicht jeder, der Zugang zu einer großen Datenbank hat und damit was machen kann, ist ein Data Scientist.

Marlies Temper, Leiterin des Studiengangs Data Science and Business Analytics an der FH St. Pölten

Studieren und Forschen zum Thema an der FH St. Pölten

MitarbeiterInnen der FH St. Pölten forschen und unterrichten interdisziplinär zu vielen Aspekten von Digitalisierung, Big Data, künstlicher Intelligenz und dem Internet of Things.

Wer dezidiert eine Ausbildung mit Datenschwerpunkt machen möchte, kann etwa das Bachelorstudium Data Science and Business Analytics wählen. Aber auch viele andere Studiengänge aus allen Fachbereichen behandeln den Umgang mit Daten aus unterschiedlichen - gesellschaftlichen und wirtschaftlichen - Perspektiven.

In der Forschung setzt die FH St. Pölten vor allem mit ihren beiden Schwerpunkten „Cyber Security & IT Security“ sowie „Data Analytics & Visual Computing“ Akzente und baut mit  Kooperationspartnerinnen und -partnern Know-how und Ressourcen für eine digitale Gesellschaft aus. Die FH St. Pölten beteiligt sich etwa federführend an Digital Innovation Hubs, die Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützen, oder startet derzeit zwei neue Forschungszentren zum Thema Blockchain.

Blockchain: mehr als Technik für Kryptowährungen

Basierend auf der Blockchain-Technologie entstanden in den letzten Jahrzehnten unzählige Anwendungen etwa zur Absicherung von Datenbanken und Serversystemen. Bekannt ist diese Datensatz-Technik vor allem, weil mit ihr Kryptowährungen generiert werden. Doch für die Wirtschaft bietet sie auch andere praktische Anwendungen.

Durch ihre hohe Fälschungssicherheit ermöglichen Blockchains den Entwurf stark dezentraler Systeme, bei denen die teilnehmenden Partnerinnen und Partner einander nicht unbedingt vertrauen. Dezentral bedeutet, dass Daten über viele Computer verteilt sind und von niemandem zentral verwaltet werden.

Peter Kieseberg, Leiter des Instituts für IT Sicherheitsforschung an der FH St. Pölten sowie des hier ebenfalls angesiedelten Josef Ressel Zentrums zum Thema Blockchain.

„Blockchains sind Strukturen zur Datenspeicherung, die es ermöglichen, Daten quasi fälschungssicher abzulegen: Mit modernen kryptographischen Verfahren werden Datenblöcke so verbunden, dass jede nachträgliche Änderung erkannt werden kann“, erklärt Franz Fidler, stellvertretender Leiter des Departments Medien und Digitale Technologien an der FH St. Pölten, das am Austrian Blockchain Center ABC beteiligt ist.

„Jeder neue Datensatz (Block) in der Datenkette (Chain) enthält einen kryptographisch sicheren ‚Fingerabdruck‘ (Hash) des vorhergehenden Blocks, einen Zeitstempel und Transaktionsdaten. Nachträgliche Veränderungen alter Datensätze in der Kette werden so für alle sichtbar, weil der ‚Fingerabdruck‘ der Daten nicht mehr stimmt.“

Sichere Daten und vernetzte Dinge

Auch das Institut für IT Sicherheitsforschung der FH St. Pölten beschäftigt sich mit einem Thema, das untrennbar mit dem Nutzen und Einsatz von Daten verbunden ist.

„IT ist heute in den meisten Unternehmen eng mit dem Geschäftserfolg verknüpft und damit ist IT-Sicherheit ein geschäftsrelevanter Aspekt geworden. Der Schutz von IT-Infrastrukturen und sensiblen Daten stellt Unternehmen jeden Tag vor neue technische und organisatorische Herausforderungen“, sagt Sebastian Schrittwieser, Leiter des Instituts sowie des Josef Ressel-Zentrums für konsolidierte Erkennung gezielter Angriffe (TARGET) an der FH St. Pölten.

Im Alltag betrifft die IT-Sicherheit Menschen zunehmend durch das Internet der Dinge, also durch Geräte, die mit dem Internet verbunden sind: vom Fernseher über den selbst nachbestellenden Kühlschrank bis zur Smartwatch. Diese Geräte sammeln immer mehr Daten.

„Sinkende Preise bei den Sensoren der Datenerfassung und -speicherung treiben die Vernetzung intelligenter Geräte immer schneller voran“, erklärt Aigner. Umkehrbar scheint dieser Trend zu Big Data jedenfalls nicht. „Daten sind einfach die Zukunft. Gesellschaften wollen immer innovativer werden – mit Daten geht das“, sagt Temper.

FH-Magazin future 11: "Eldorado der Bits und Bytes"