Dossier: Offen und vernetzt

Netzwerke(n)

Hochschulen sind heute vernetzter denn je. Von Fachgesellschaften über internationale Organisationen bis hin zu Unternehmen und Gesellschaft floriert der Austausch zu Bildung, Innovation und Forschung.

Inmitten von Netzwerken

Von Gelehrtenzirkeln vergangener Jahrhunderte bis zu Sozialen Medien für heutige WissenschaftlerInnen, von offener Innovation und BürgerInnenwissenschaft bis zu internationalen Netzwerken und gemeinsamen Plattformen mit Unternehmen: Forschung und Lehre waren immer schon Netzwerkarbeit. Doch Netzwerke von Hochschulen reichen heute weit über Fachgremien und Konferenzen hinaus. Damit sie zum Lösen gesellschaftlicher Probleme beitragen und Antworten zu den Fragen unserer Zeit liefern können, widmen sich Hochschulen neben den beiden Humboldt’schen Zielen der Forschung und Lehre der sogenannten dritten Mission des Wissenstransfers. Laut Hannes Raffaseder, Prokurist und Mitglied des Hochschulmanagements der FH St. Pölten, sollten sich Hochschulen zu Plattformen für kollaborative Innovation entwickeln, die ambitionierte Menschen zusammenbringen, um das kreative Potential zu bündeln.

„Um erfolgreich zu sein, muss es deutlich mehr Netzwerkaktivität geben. Vor fünf Jahren reichte noch Forschen, Lehren und das Besuchen von Fachkonferenzen. Heute braucht es mehr Offenheit“

FH-Prof. Dipl.-Ing. Hannes Raffaseder, Prokurist und Leiter des FH-Service Forschung und Wissenstransfer, FH St. Pölten

Hochschulen müssten dazu ihr Stakeholder-Management auf neue Beine stellen. „Das Entscheidende ist ein kultureller Wandel, ein Ändern der Mentalität. Es geht um Vertrauen, Möglichkeiten, Spielwiesen und Handlungsräume, um Flexibilität und Eigenverantwortung. Diese Einstellung zählt mehr als eine formale Stabstelle für Stakeholder-Management. Diese Offenheit betrifft alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Raffaseder. Und die Möglichkeiten dazu werden immer mehr: „Netzwerkarbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten durch neue Kommunikationstechnologien, aber auch durch die schnellen Transportmöglichkeiten grundlegend verändert. Wir leben heute zwei Stunden von London entfernt, kommunizieren auf Knopfdruck weltweit und können uns jederzeit via Skype face-to-face begegnen“, sagt Kurt Koleznik, Generalsekretär der Österreichischen Fachhochschul-Konferenz (FHK).

Kooperation zur Zukunft der Hochschulen

Um den Hochschulsektor in Österreich weiterzuentwickeln, sollen Universitäten und Fachhochschulen in Zukunft stärker kooperieren. Das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft hat daher die öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen in Österreich eingeladen, sich auszutauschen, wie das derzeitige Angebot von circa 1.400 Studiengängen gemeinsam weiterentwickelt werden kann. Das Projekt nennt drei Hauptziele: das Schärfen der Ausbildungsprofile der Hochschulen, ein arbeitsteilig strukturiertes Studienangebot und eine verbesserte Durchlässigkeit im tertiären Sektor, also eine bessere gegenseitige Anerkennung und Anrechenbarkeit der Studien und Abschlüsse.

Im Detail heißt das das Abgleichen des Studienangebots, Vermeiden von Doppelgleisigkeiten, eine Diskussion über die Aufgabenverteilung zwischen den Hochschulen und einen effizienteren Einsatz finanzieller Mittel. Die Hauptabsicht hinter dem Ganzen: Durch Kooperation sollen die Hochschulen gemeinsam mehr erreichen und international im Wettbewerb als Hochschulsystem besser bestehen können.

Internationaler Austausch

Kooperiert wird unter Hochschulen selbstverständlich auch international. Der Österreichische Austauschdienst (OeAD) bietet zum Beispiel über das EU-Programm Erasmus+ mehrere Förderungen für den akademischen Austausch an, an denen jeweils mehrere Hochschulen aus mehreren Ländern zum Teil in Kooperation mit Unternehmen beteiligt sein können (und müssen). Auch gemeinsame Masterstudien können eingereicht werden. Erforderlich sind mindestens drei Hochschulen aus drei Ländern, wobei sich auch Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Forschungseinrichtungen beteiligen können. Im Zuge sogenannter strategischer Partnerschaften können Hochschulen bei dem Programm Projekte einreichen, um über Länder- und Sektorgrenzen hinweg voneinander zu lernen, Bildungsinhalte an Erfordernisse der beruflichen Praxis anzugleichen, gemeinsam neue Lehr- und Lernmethoden zu erproben und umzusetzen oder grenzüberschreitend das Anerkennen von Wissen und Fähigkeiten zu erleichtern.

Von der Leopoldina zum ResearchGate

Auch auf persönlicher Ebene hat sich das Netzwerken verändert, nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und deutsche Akademien haben für junge ForscherInnen eigene Junge Akademien eingerichtet, in Österreich vor etwa 15 Jahren, in Deutschland etwas früher – eine kurze Geschichte im Vergleich zur im Jahr 1652 gegründeten Leopoldina in Deutschland, der ältesten ununterbrochen existierenden naturwissenschaftlich-medizinischen Akademie der Welt. Die neuen Jungen Akademien sollten die Akademien „verjüngen“ und bessere Vernetzungsmöglichkeiten speziell für junge Forscherinnen bieten, sagt Marie-Therese Wolfram, Mitglied im Direktorium der Jungen Akademie der ÖAW.

 

Social Media für WissenschaftlerInnen

Mit den Plattformen ResearchGate und Orcid haben WissenschaftlerInnen zudem ihre eigenen Sozialen Medien, gewissermaßen eine Art Facebook oder LinkedIn für ForscherInnen. Zu den persönlichen Profilen werden Publikationen und Projekte hochgeladen. WissenschaftlerInnen können so rasch auf dem Laufenden bleiben, was in ihrem Fachbereich passiert, wer etwa wo eine Publikation veröffentlicht hat. Der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF verlangt von Forscherinnen und Forschern, die Projekte zur Förderung einreichen, seit 2016 ein vorhandenes persönliches Orcid-Profil.

Eigene Netzwerke gibt es zudem für Frauen, die in höheren Positionen an Hochschulen immer noch unterrepräsentiert sind. Angelika Brechelmacher vom Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt und Barbara Smetschka vom ebenfalls dort angesiedelten Institut für Soziale Ökologie erforschen Karrierewege und Netzwerke von Wissenschaftlerinnen.

"Es gibt jahrhundertelange Traditionen für Verbindungen und Verbände für Männer im akademischen Bereich. Netzwerke von Akademikerinnen sind dagegen ein relativ junges Phänomen und viel weniger verbreitet"

Dr. Angelika Brechelmacher, Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt

Persönliche Netzwerke sollten für die spätere Karriere generell schon früh aufgebaut werden, rät Josef Kolarz-Lakenbacher, Bildungsbeauftragter der Stadt St. Pölten, ehemaliger Siemens-Manager und langjähriger Vorstand des Fördervereins der FH St. Pölten: „Die meisten Studentinnen und Studenten machen den Fehler, sich nur auf das Studium zu konzentrieren. Doch das Studium und die fachliche Ausbildung allein sind zu wenig. Man muss über den Tellerrand hinausschauen und aus der Masse hervorstechen. Dafür braucht es Netzwerken und Engagement.“ Laut Smetschka zeigen junge Männer oft mehr Aktivität als Frauen, was das Netzwerken anbelangt. „Frauen, aber auch Männer, die dies nicht früh oder familiär gelernt haben, sind zurückhaltend und skeptisch gegenüber formalen Netzwerken. Hier sind Weiterbildungsangebote und Mentoring-Programme zielführend, denn Schüchternheit ist kontraproduktiv. Oft gilt: Frechheit siegt“, so Smetschka.