Aktuelles aus der Wissenschaft für die Lehre

Christoph Ullrich, Anita Kidritsch

Praxisnahe Updates lieferte der 25. Kongress der deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation von 7. bis 9. Dezember 2017 in Berlin.

Anita Kidritsch informierte sich zum dritten Mal in Folge beim Kongress der Deutschen Gesellschaft über neueste Entwicklungen im Bereich der Neurorehabilitation, um ihre Lehre sowohl praxisnah als auch aktuell zu gestalten und sich mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Gebiet interdisziplinär zu vernetzen. So auch mit Christoph Ullrich, Gesundheits- und Rehabilitationstechniker, mit dem sie in der Versorgung von Multiple Sklerose Patientinnen und Patienten durch funktionelle Elektrostimulation zusammenarbeitet. Im Folgenden fasst sie die neuesten Informationen für interessierte Kolleginnen und Kollegen sowie Absolventinnen und Absolventen zusammen.

Schmerz bei zentral-paretischem Arm

Die Ergebnisse der aktualisierten Leitlinie zur Prävention und Behandlung von Schmerz bei zentral-paretischem Arm zeigen auf, dass in der Anwendung von Schmerz-Assessments leider nicht erfasst wird, ob die Zielgruppe überhaupt dazu in der Lage ist, Skalen und Fragebögen mit steigender Komplexität valide zu beantworten. Deutlich wird, dass Lagerungen in Nullstellung bzw. bei der Schulter in Außenrotation sooft wie möglich andere Lagerungen vorzuziehen sind und durch proximal stabilisierende Tape-Anlagen und Orthesen unterstützt werden. Konsens zum Ziel der Armrehabilitation nach Schlaganfall liegt darin, dass nicht ein Mittelmaß zwischen Kompensation und Wiederherstellung angestrebt wird, wobei jeweils das Ziel der Patientinnen und Patienten handlungsleitend ist. Regelmäßige Rückfragen, wie weit der nächste Teilschritt zur gewünschten Aktivität bereits ausprobiert wurde, unterstützen den Therapieprozess, um die notwendigen Schritte an Unterstützung identifizieren zu können, die für einen Transfer in den Alltag erforderlich sind.

Rumpftraining für Stand und Gang

Im Assessment der posturalen Kontrolle wurde deutlich, dass die Trunk Impairment Scale für bettlägerige Personen vorzuziehen ist, während der Forward Reach, der Arm Raise Test und die Trunk Impairment Scale von Verheyden als Basis für Gang- und Mobilitätstraining genützt werden sollten. Direkt umsetzbar sind Beispiele von Rumpftraining mit selektiven isolierten Bewegungen und Partnerspiele mit Schnelligkeits- und Ausdaueranforderungen bis hin zu variierten Greifaufgaben bei Entfernungen mit 130 bis 150 Prozent der Armlänge, die auf instabiler Unterlage ausgeführt generell eine noch höhere Wirkung erzielen.

Spastik ist nicht gleich Spastik

In variiertem Kontext erklärte Jörg Wissel die Entstehung und Differenzierung spastischer (Folge-)Symptome, um je nach Präsenz von Muskelsteife, geschwindigkeitsabhängiger Tonuserhöhung, Spasmus, Klonus, Synkinesie oder Dystonie so früh als möglich spezifische Maßnahmen zur Tonussenkung anzuwenden. Gemeinsam mit Klemens Fheodoroff demonstrierte er, wie nutzvoll die Verknüpfung von Selbstdehnprogrammen und physiotherapeutischen Maßnahmen mit gezielt an Aktivitätenanalysen und Handlungszielen orientierter, ultraschallgeleiteter BoNT-A-Injektion und/oder Chemodegneration bzw. Chemodegeneration für Bewegungskontrolle und neuroplastische Reorganisation ist. Orale Medikation sind ihrer Aussage nach der zeitlich begrenzten, akuten Versorgung vorbehalten.

Aufmerksamkeitsprozesse steuern

Die Bedeutung des Nervus Vagus für motorisches Lernen bei Schlaganfall oder die Wahrnehmung von Fatigue bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen wurden in der Präsentation des Sickness Behaviour Modells ebenso wie anhand neuer Produktpräsentationen deutlich. Gemäß dieses Modells kommt es bei chronisch-entzündlichen Krankheitsgeschehen zu einer Beeinflussung des Nervus Vagus, welcher Aufmerksamkeitsprozesse mit beeinflusst. Speichel- und Blutuntersuchungen stellen somit wichtige Ergänzungen zur bisher rein über Fragebögen erfassten Fatigue oder anderen vegetativen Funktionsstörungen dar. 

Lebensqualität bis zuletzt

In einer eigenen Session wurden die Schnittstellen zwischen Neurologie und Palliativmedizin als Lebensbegleitung bis zuletzt in Bezug zu organischer, existentieller, psychischer und spiritueller Dimension thematisiert. Die RednerInnen kamen zu dem Schluss, dass ab dem Moment, ab dem Personen durch die neurologisch bedingte neue Lebenssituation den Wunsch aussprechen, nicht weiter leben zu wollen, palliative Begleitung durch alle hierbei relevanten Berufsgruppen mit eingebunden werden sollte, wie zum Beispiel PalliativmedizinerInnen, SeelsorgerInnen, SozialarbeiterInnen, Ehrenamtliche oder Selbsthilfegruppen.

Bei Personen, die nicht mehr selbst dazu in der Lage sind, entlastet Angehörige die Einstellung, nicht über die Betroffenen zu entscheiden sondern als Sprachrohr zu dienen, basierend auf der Frage: „Wie würde er/sie entscheiden, wenn er/sie uns zuhören könnte?“ Anders als bei onkologischen Diagnosen ist der Bedarf an palliativer Begleitung und der Wechsel der – optimalerweise Handlungsorientierten – Betreuungsziele ein vorübergehender, wenngleich wichtiger, nach dem Sprichwort: Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer.

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