Ausbildung im Digital Marketing nie abgeschlossen

Andreas Wochenalt, Teamleitung Strategie Digitale Medien Österreich Werbung

Nachgefragt bei Andreas Wochenalt

Harald Rametsteiner (Leiter des Masterlehrgangs Digital Marketing) im Gespräch mit Andreas Wochenalt (Teamleitung Strategie Digitale Medien Österreich Werbung) über Online Marketing:

Wie schätzen Sie die Entwicklung von Online Marketing in Österreich ein?

Steter Tropfen höhlt den Stein. Und das schon seit der Zeit vor der Gründung von ORF.at und derstandard.at im Jahr 1997, den ersten Online-Nachrichtenportalen in Österreich. Seit damals gibt es unterschiedliche Ausprägungen in der Entwicklung des digitalen Marketings in Österreich. Im Bereich Media befand sich der österreichische Markt meist auf Augenhöhe mit anderen Märkten, z. B. mit der Gründung von IAB Austria. Dazu trugen Anbieter von Werbeinventar wie derstandard.at ebenso viel bei wie auch die eine oder andere Agentur.

Doch heute gilt es mehr denn je über die Grenzen zu blicken, z. B. nach Asien. Wo wir da und dort sicher noch Aufholbedarf haben, ist das Bewusstsein für nachhaltige digitale Geschäftsmodelle und bei den damit einhergehenden Change Prozessen in Unternehmen.

Nur ein Beispiel: Bei einigen Handelsunternehmen kostet ein Liter Milch im Online-Shop mehr als in deren Filialen. Ob das strategisch richtig ist, wage ich zu bezweifeln. Auch die Diversifikation im Angebot von österreichischen Unternehmen hat im Vergleich zu anderen Märkten noch nicht die Dynamik wie z. B. in Südkorea, Indien oder Israel. Beispielgebend, wie erfolgreich oder auch mühsam die digitale Transformation von statten geht, sind u. a. Handelsunternehmen wie UNIQLO, das Internet Of Things (IoT) in der Industrie oder die Neuausrichtung in der Medienwirtschaft am Beispiel des Springer Konzerns. 

Welchen Stellenwert haben Aus- und Weiterbildung im Online Marketing?

Die Aus- und Weiterbildung hat wie in anderen Branchen auch in der Kommunikationsbranche einen enormen Stellenwert. Aber ebenso wie beim Arbeiten in Medienunternehmen und Agenturen ist es auch in der Ausbildung ein permanentes „Operieren am offenen Herzen“. Was wir beispielsweise vor zwei bis drei Jahren über Social Marketing lehrten, ist heute oder spätestens morgen schon wieder „past season“. Deswegen sehe ich die Ausbildung im digitalen Marketing auch nicht mit einem Studiengang beziehungsweise Lehrgang als abgeschlossen an.

Es gibt aber grundlegende Erkenntnisse, die sich nicht so schnell verändern, wie wir es in den technologischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Kommunikationswirtschaft tagtäglich feststellen. Manchmal bekommen diese Entwicklungen einfach nur ein neues Buzzword verpasst. So waren zum Beispiel die „Social Influencer“ von heute früher die sogenannten „Opinion Leader“. Ich empfehle in dem Zusammenhang mal das Cluetrain Manifest aus dem Jahr 1999 zu googeln und zu überprüfen, welche dieser Thesen heute noch relevant sind. Um es vorwegzunehmen – nahezu jede einzelne dieser Thesen hat heute noch Gültigkeit und wird vielerorts immer noch missachtet. Heute, 20 Jahre später, nennt man das human-centered Marketing.

Wie beurteilen Sie das Konzept vom neuen Lehrgang Digital Marketing der FH St. Pölten?

Als Vortragender finde ich vor allem den Zugang, aus der Praxis heraus zu lehren, extrem spannend für Studierende. Auch der Perspektivenwechsel durch die unterschiedlichen Vortragenden ist interessant – jeden Lehrinhalt kann man vom Standpunkt der Marke, der Technologie oder mittels anderer Zugänge betrachten. So vielfältig die Interessen und beruflichen Rahmenbedingungen der Studierenden sind, so vielfältig ist auch der Zugang der unterschiedlichen Vortragenden. Medienunternehmer, Kunden oder Experten aus den Agenturen – das Angebot an Lehrinhalten ist sehr vielseitig.

Welche Karrieremöglichkeiten gibt es im Online Marketing?

Ich habe den Eindruck, dass heute sowohl die ExpertInnen in einer Nische als auch die UniversalistInnen gefragt sind. Da gibt es keinen einzelnen Weg, der richtig ist, sondern viele.

Ich kenne Growth Hacking Spezialisten, die sowohl für Start-ups arbeiten als auch in klassischen Marketingteams von Konzernen. Was alle Arbeitsumfelder eint, ist die Kurzweiligkeit in den Jobs. Das führt auch dazu, dass man sich permanent neu orientiert. Das liegt im Wesen des Digital Marketings. Denn die Dynamik in der technologischen Entwicklung und die oft unvorhersehbaren Veränderungen in unserer Gesellschaft, z. B. der Umgang mit Filterbubbles, wirkt sich unmittelbar auch auf unsere Arbeitsmodelle in der Kommunikation aus. So waren vor ein paar Jahren in vielen Unternehmen oder auch in Agenturen ein agiles Projektmanagement oder Design Thinking Prozesse noch nicht möglich.

Zum Abschluss: Gibt es für Sie als Experte einen aktuell hilfreichen Tipp zu Digital Marketing, welcher empfohlen werden kann?

Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Ein einzelner Tipp kann nicht das Schweizer Messer für alle Problemstellungen sein. Wir leben in einer Zeit, in der man vor allem in der Medienwirtschaft permanent das Gefühl hat, etwas zu verpassen, dauernd am Ball sein zu müssen. Aber die Veränderungen in unserer Branche und die daraus abgeleiteten Anpassungen brauchen Zeit und Raum. Ich rate, sich angesichts der enormen Informationsüberlastung innerhalb der Branche, immer vor Augen zu halten, was für den eigenen Erfolg und für den Unternehmenserfolg tatsächlich relevant ist. Das muss nicht zwingend das Gleiche sein. Die Herausforderung ist also, zu wissen, was wirklich wichtig ist. Die Balance zu halten zwischen Aufwand und Resultat. Ist z. B. heute oder morgen der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in meinem Business zwingend nötig (weil es angeblich alle machen)?

Fragen wie diese wird jede/r für sich unterschiedlich beantworten. Bei solchen Überlegungen ist die Wirkung des eigenen Handelns ausschlaggebend. Und nicht das Abarbeiten eines Innovationsprojekts für den Quartalsbericht. Dabei kann man zu einer scheinbar weltbewegenden Entwicklung ruhigen Gewissens auch mal mit „Nein, hier und jetzt ist das ist für meinen eigentlichen Auftrag nicht ausschlaggebend“ antworten. Gleichzeitig würde ich es mir aber nie nehmen lassen, Dinge auszuprobieren. Deswegen der Tipp: Eine Erfahrung macht man selten umsonst. Jede Erfahrung, jedes Learning macht man nachhaltig. Oder um es mit den Worten von Steve Jobs zu sagen: „Think different“.

Andreas Wochenalt ist Lektor in der Lehrveranstaltung „Konzept & Design“ im Lehrgang Digital Marketing.

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