Digital Healthcare

Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Andreas Kranzl, Tanja Stamm, Helmut Ritschl, Michaela Fritz, Dieter Hayn und Hannes Raffaseder

Podiumsdiskussion zu Chancen und Risiken der Digitalisierung im Gesundheitswesen

Digitale Technologien und eHealth-Konzepte werden als Innovationsmotor für ein modernes Gesundheitswesen angesehen. PatientInnen könnten dadurch besser betreut werden. Dem gegenüber stehen Ängste zur Datensicherheit und Hürden in der praktischen Umsetzung. Bei einer Podiumsdiskussion an der Fachhochschule St. Pölten diskutierten ExpertInnen aus dem Gesundheits- und IKT-Bereich Vor- und Nachteile der Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Wandel im Gesundheitswesen

Der tiefgreifende, demographische Wandel der Gesellschaft führt zu einer steigenden organisatorischen und finanziellen Belastung im Gesundheitswesen. Für DienstleisterInnen, GesundheitsexpertInnen und auch PatientInnen stellt sich die Frage, wie höhere Effizienz bei gleichbleibender Qualität von Behandlungs- und Versorgungsmethoden zukünftig gewährleisten werden kann. In den Zielen der europäischen Gesundheitsstrategie werden digitale Technologien und eHealth-Konzepte explizit als Innovationsmotor für ein modernes Gesundheitswesen genannt.

Doch welche Voraussetzungen benötigen Forschung & Entwicklung im Bereich Digital Healthcare? Welche Ausbildungen und Qualifikationen werden in den zukünftigen Gesundheitsberufen erforderlich? Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit das Wohl der PatientInnen auch in Zukunft an erster Stelle steht? Diese Fragen diskutierte eine Runde von ExpertInnen diese Woche an der FH St. Pölten.

Information als Rohstoff für Diagnosen und Therapien

Keynote-Sprecher Dieter Hayn vom Safety & Security Department des Austrian Institute of Technolgy (AIT) sieht große Chancen, PatientInnen durch Digital Healthcare verstärkt in Entscheidungen zu ihrer Gesundheit einzubinden.

So würden etwa chronisch Kranke, die regelmäßig Gesundheitsinformationen via Handy an ÄrztInnen schicken, weniger häufig zurück ins Spital müssen und – falls doch – früher wieder entlassen, da diese PatientInnen rechtzeitig ins Spital kommen und das behandelnde Personal alle wichtigen Informationen bereits vorliegen hat. Zudem würde durch den permanenten Austausch an Information der Kontakt zwischen ÄrztInnen und PatientInnen verbessert. „Es braucht Digtial Healthcare für eine optimierte Behandlung. Information ist der Rohstoff für Diagnosen und Therapien“, sagt Hayn.

Laut Andreas Kranzl, den Leiter der Bewegungsanalyse im Orthopädischen Spital Speising, könnte die Digitalisierung im Gesundheitsbereich unter anderem helfen, große Datenmengen zu reduzieren und sicher und verständlich aufzubereiten.

Ängste, Hürden und Risiken

Dem stünde die Angst vor „gläsernen PatientInnen“ und des Missbrauchs von Daten gegenüber. Laut Hayn müsse man hier ein ausgewogenes Verhältnis von Wirkung und Nebenwirkung finden.

Laut Tanja Stamm, Studiengangsleiterin für Health Assisting Engineering am FH Campus Wien, sollten PatientInnen entscheiden dürfen, wer auf ihre Daten Zugang hat – etwa nur MedizinerInnen oder auch Angehörige. Zudem sei das Einbeziehen der PatientInnen wichtig. Stamm holt PatientInnen als wissenschaftliche PartnerInnen in Ihre Projekte, die neben den WissenschaftlerInnen mitentscheiden dürfen.

Durch Digital Healthcare könnten PatientInnen sich auch besser untereinander austauschen und das Einhalten von Therapien könnte verbessert werden. Wichtig sei jedoch, die Benutzerfreundlichkeit neuer technischer Hilfsmittel im Auge zu haben, sagt Michaela Fritz, Leiterin des Health& Environment Departments am Austrian Institute of Technolgy (AIT) und Präsidentin von AAL Austria. Zudem gebe es am Weg zur Praxis noch viele Hürden, von der technischen Standardisierung bis zu den Kosten der Umstellung.

Moderiert wurde die Diskussion von Hannes Raffaseder, dem Leiter des Instituts für Creative\Media/Technologies (IC\M/T). „Die FH St. Pölten hat zum Thema Digital Healthcare einen Forschungs- und Studienschwerpunkt mit interdisziplinären Projekten eingerichtet. Ziel ist eine integrierte Gesundheitsversorgung. Dazu zählen computerunterstützte Diagnosen, Gesundheits-Apps, Ambient Assisted Living-Technik, die alten Menschen den Alltag erleichtert, und Serious Games, sinnvolle Spiele, die gesundes Verhalten fördern“, sagt Raffaseder.

Forschungszentrum CARMA (Center for Media Assisted Healthcare & Living)

Die FH St. Pölten baut bis 2016 das Forschungszentrum CARMA (Center for Media Assisted Healthcare& Living) auf. Es widmet sich den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft und entwickelt unter anderem Assistenzsysteme, die Selbständigkeit und Aktivität bis ins hohe Alter ermöglichen. Bei Konzepten für Prävention, Therapie und Rehabilitation, speziell auch bei Jugendlichen, untersucht das Projekt, wie diese durch den Einsatz digitaler Technologien optimiert werden können.

„Die Frage ist, wie man Technologie in Zukunft kontinuierlich im Gesundheitswesen einbinden kann. Zentral ist, wie Technologie das Leben der Menschen unterstützt, ohne es negativ zu beeinflussen. Mit unseren Aktivitäten im Bereich Digital Healthcare an der FH St. Pölten wollen wir die BenutzerInnenschnittstellen vereinfachen und PatientInnen und GesundheitsexpertInnen zeigen, was Assistenztechnologien in naher Zukunft leisten können“, sagt Jakob Doppler, Researcher am IC\M/T - Institut für Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten, der das neue Forschungszentrum gemeinsam mit Brian Horsak vom Studiengang Physiotherapie und mit Hannes Raffaseder aufbaut.

Studiengang Digital Healthcare

Zudem startet an der FH St. Pölten im Herbst 2014 der neue Studiengang Digital Healthcare. Er verbindet Medien-, Informations- und Kommunikationstechnologien mit dem technisch-integrierten Gesundheitswesen insbesondere in den Bewegungswissenschaften. Zielgruppe sind (Medizin-)TechnikerInnen sowie ExpertInnen sämtlicher Gesundheitsberufe, vor allem der Physiotherapie, Ergotherapie und der Gesundheits- und Krankenpflege.

„Das Interessante an diesem Masterstudium sind die Offenheit und der Austausch zwischen diesen Berufsgruppen. Das Konzept im Studiengang ist, miteinander und voneinander zu lernen. Das läuft ab dem ersten Semester interdisziplinär in Kleingruppen und in Projekten“, sagt Studiengangsleiter Helmut Ritschl.

Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Projekts CARMA (Center for Media Assisted Healthcare& Living) mit Unterstützung der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) statt.

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