Freies Wissen für die Gesellschaft

Gastvortragende Claudia Garád (2. Reihe links) und Lehrveranstaltungsleiterin Astrid Ebner-Zarl (2. Reihe rechts) zusammen mit den Studierenden der Media- und Kommunikationsberatung.

Gastvortrag von Wikimedia Österreich-Geschäftsführerin Claudia Garád

Den krönenden Abschluss der Lehrveranstaltung „Sozialwissenschaft I: (Medien-)Soziologie“ im Bachelorstudium Media- und Kommunikationsberatung unter der Leitung von Astrid Ebner-Zarl bildete am 23. Oktober ein Gastvortrag von Wikimedia Österreich-Geschäftsführerin Claudia Garád. Es ging dabei um die Rolle von freiem Wissen für die Gesellschaft sowie um verschiedene gesellschaftspolitisch relevante Aspekte der Wikimedia-Projekte. Dem Prinzip der Partizipation entsprechend wurde der Vortrag als dialogisches Format gestaltet – basierend auf den Fragen der Studierenden, die vorab gesammelt worden waren. Auch im Anschluss an den Vortrag blieb Zeit für eine rege Diskussion.

Über Wikimedia

Wikipedia ist das wahrscheinlich bekannteste Projekt innerhalb der Wikimedia-Bewegung, doch es gibt auch zahlreiche Schwesterprojekte, etwa die Wissensdatenbank Wikidata, den Reiseführer Wikivoyage oder die Lehr- und Lernplattform Wikiversity, die auf demselben Grundprinzip basieren: Wissen soll für alle frei zugänglich sein, als NutzerIn wie auch als InhaltsgestalterIn. Das Team von hauptamtlichen MitarbeiterInnen bei der Wikimedia Foundation und ihren zahlreichen nationalen Zweigstellen ist jeweils ein kleines; in erster Linie werden Wikipedia und ihre Schwesterprojekte von einer großen Zahl Ehrenamtlicher (der Community) getragen – ein breites Spektrum von Menschen unterschiedlichster Altersgruppen und Hintergründe, von Studierenden bis hin zu SeniorInnen, die Informationen sammeln und Artikel bearbeiten oder verfassen.

Wikipedia als Ort der Ausverhandlung von Inhalten

Großes Interesse hatten die Studierenden an der Frage, wie Wikipedia mit der Möglichkeit von Falschinformationen oder einseitigen Darstellungen umgeht. Claudia Garád beschrieb in ihrem Vortrag verschiedene Ebenen, auf denen Qualitätssicherung stattfindet. Dass eine große Community an der Wissensproduktion beteiligt ist, begünstige, dass Falschinformationen oder inhaltlicher „Vandalismus“ schnell entdeckt werden. Jede Information auf Wikipedia bedarf zudem eines Belegs, um veröffentlicht zu werden, und es gibt Listen mit Quellen, die von der Community aufgrund mangelnder Seriosität nicht akzeptiert werden.

Je nachdem, was die Regeln der nationalen Wikipedia-Communities vorsehen, gehen Beiträge bzw. deren Änderungen auch nicht unbedingt direkt online. In Österreich wird jeder neue Text, aber auch jede Überarbeitung, vorab von langjährigen AutorInnen geprüft. Wikipedia ermöglicht auch die Versionsgeschichte jedes Beitrages einzusehen; diese zeigt im Detail, welcheR AutorIn zu welchem Zeitpunkt welche Stellen in einem Artikel verfasst, geändert oder gelöscht hat.

Eine große Bedeutung zur Vermeidung von Einseitigkeit hat für Claudia Garád die Tatsache, dass Inhalte auf Wikipedia zwangsläufig der Ausverhandlung unterliegen. Auf Wikipedia treffen unterschiedliche Welten aufeinander, die versuchen, eine gemeinsame Realität zu verhandeln. Je mehr ein Artikel, etwa zu einer umstrittenen politischen Persönlichkeit, von beiden Seiten überarbeitet wird, umso mehr gelingt es vielfach, Bias zu reduzieren. Anders als bei gedruckten Enzyklopädien ist die inhaltliche Vielfalt auch nicht durch Platzprobleme begrenzt: Es kann jederzeit ein Absatz ergänzt werden, was, so Garád, dabei hilft zu einer „gemeinsamen Wahrheit“ zu gelangen.

Je nachdem, wie die Ausverhandlung von Inhalten verläuft und wer an ihr beteiligt ist, können heterogene Communities aber auch Herausforderungen in Form von Edit Wars und Trollen mit sich bringen. Auch diese gehören zur Realität von Wikipedia.

Werbefreiheit und Unabhängigkeit

Ein Schwerpunktthema der Diskussion im Hörsaal war auch die Werbefreiheit, die zu den Grundprinzipien von Wikipedia gehört und als Voraussetzung für inhaltliche Unabhängigkeit begriffen wird. Ein Wikipedia-Artikel etwa über einen großen Ölkonzern, der von einer Werbeeinschaltung eben dieses Konzerns begleitet wird, würde die Objektivität der Artikelinhalte stark infragestellen, so Claudia Garád. Darüber hinaus seien werbefreie Räume wichtig und würden in der analogen wie in der digitalen Welt immer seltener. Finanzielle Mittel für die Wikimedia-Projekte werden über Spenden akquiriert. Es gibt auch einige GroßspenderInnen, diese werden von der Wikimedia Foundation offengelegt.

Aktuelle Debatten um den Gender Gap auf Wikipedia

Ausgehend von der Physiknobelpreisträgerin Donna Strickland, der vor ihrer hohen Auszeichnung ein Wikipedia-Eintrag verwehrt blieb, ist Geschlechtergerechtigkeit auf Wikipedia in den letzten Wochen ein medial vielbehandeltes Thema und beschäftigte dementsprechend auch die Studierenden.

Einen Gender Gap gibt es bei Wikipedia auf zwei Ebenen, die eng miteinander verknüpft sind: Auf inhaltlicher Ebene werden deutlich weniger Beiträge über Frauen als über Männer verfasst, auf Ebene der AutorInnen ist der Frauenanteil sehr gering und liegt je nach Sprachraum zwischen ca. 7 und 15 Prozent. Das Spektrum der Ursachen, warum nur wenige Frauen sich als AutorInnen betätigen, ist breit gefächert und umfasst wikipediaspezifische wie gesamtgesellschaftliche, soziale wie technische Faktoren.

Wikipediaspezifisch sei ein oft rauer Umgangston in einer von „Hackerkultur“ geprägten männerdominierten Community relevant, ebenso das Vorhandensein von (auch misogyn agierenden) Trollen, die Verwendung nicht-inklusiver Sprache, geringere Usability im Vergleich zu anderen Plattformen, und nicht zuletzt eine „Pfadabhängigkeit“, in der Form, dass geringe Frauenanteile auch weniger Beteiligungsinteresse anderer Frauen nach sich ziehen.

Gesamtgesellschaftlich spiele eine Rolle, dass Frauen durch die nach wie vor ungleiche Verteilung von Familienarbeit über weniger Freizeit verfügen; auch allgemein sei Wikipedia ein Spiegel der Gesellschaft, der die in vielen Bereichen ungleiche Teilhabe von Frauen reflektiere.

Zahlreiche Initiativen

Wikimedia versucht durch gezielte Maßnahmen wie thematisches Communitybuilding (aktuell z. B. zum Thema Arts & Feminism), Ideenwettbewerbe, den Einsatz eines Visual Editors und die Einrichtung von Friendly Spaces on- und offline Frauen und andere unterrepräsentierte AutorInnengruppen zu gewinnen.

Auch um den Anteil von Frauenbiografien auf Wikipedia zu erhöhen, werden Maßnahmen ergriffen. Anlässlich des Falles Donna Strickland werden etwa die Relevanzkriterien stärker hinterfragt, anhand derer bei Wikipedia entschieden wird, ob jemand bedeutend genug für einen Eintrag ist.

Mit dem Projekt „Women in Red“ soll außerdem gezielt zum Verfassen von Frauenbiografien angeregt werden; Wikipedia stellt für interessierte AutorInnen auch eine Liste von Frauen zur Verfügung, deren Relevanz bereits geklärt ist. Der Name „Women in Red“ kommt von den in Wikipedia immer wieder auftauchenden Rotlinks, d.h. Namen und Begriffen, die bereits verlinkt sind, hinter denen aber noch kein Artikel steht. Rotlinks sollen zum Verfassen von Artikeln motivieren.

Aufruf zur Mitbeteiligung – individuell wie gesellschaftlich

Abschließend lud Claudia Garád das Publikum dazu ein, den partizipativen Charakter von Wikipedia zu nutzen. Jeder und jede könne durch seine/ihre Beteiligung dazu beitragen, einer Person, die bislang zu wenig wahrgenommen wurde, „ein digitales Denkmal zu setzen“. Nicht zuletzt weist Garád aber auch darauf hin, dass ein allgemeines gesellschaftliches Umdenken erforderlich ist, um Frauen oder auch anderen unterrepräsentierten Gruppen ihren gleichwertigen Platz auf Wikipedia zu sichern.

Wikipedia kann nur veröffentlichen, wozu es bereits Quellen als Belege gibt. Claudia Garád appelliert daher auch an Medien, mehr über die Leistungen von Frauen zu berichten, und an die Wissenschaft, die Sichtbarkeit von qualifizierten Forscherinnen zu erhöhen.

Begeistertes Publikum

Das Publikum zeigte sich vom Vortrag begeistert, was auch die folgenden Statements von Studierenden widerspiegeln. Lukas Kroisenbrunner schildert seinen Eindruck: „Einerseits war der Vortrag von Wikimedia-Geschäftsführerin Claudia Garád aufgrund seines Inhaltes spannend: Vielgestellte Fragen zur Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts wurden aufgegriffen und ausführlich beantwortet. Andererseits beeindruckte der diskursive Stil, den die Vortragende gewählt hatte – nach kurzem Input zu den am häufigsten gestellten Fragen ging es in eine große Fragerunde, bei der alle übrigen Studierenden- (und Dozentinnen-)fragen beantwortet wurden.

Faszinierend war es auch, über das Wikimedia-Angebot abseits von Wikipedia zu erfahren sowie Wikipedia selbst in verschiedenen aktuellen Gesichtspunkten (Gender Gap, Upload-Filter, …) zu betrachten. Die Frage nach dem soziologischen Bezug des Vortrags wurde (unter anderem) schon durch die Vision des etablierten Unternehmens beantwortet: freies Wissen für alle Gesellschaften der Welt.“

„Vorab muss ich sagen, dass der Vortrag kurzweiliger von statten ging als erwartet. Die interessante Aufbereitung mit Schwerpunkten wie Gender Gap, Medienkompetenz und Regulierung der Community ließ wenig Zeit abzuschweifen, zumal auch laufend die gesammelten Fragen des Publikums beantwortet wurden. Was mich an der Wikimedia Präsentation beeindruckt hat, war die gezielt minimalistische PowerPoint, die bewusst die Aufmerksamkeit auf die Vortragende lenkte. Eine weitere Erkenntnis, die ich so nicht erwartet hätte, war die Wichtigkeit der Community. So wurde erklärt, dass die Entwickler hinter Wikipedia weniger den Ton angeben als ihre Nutzerinnen und Nutzer. Der genannte Begriff der ‚gemeinsamen Wahrheit‘ spielt im Zusammenhang mit der Kollaboration vieler eine zentrale Rolle und kann nur durch kontinuierlichen Diskurs zu Stande kommen. Das Prinzip der Rollenverteilung innerhalb dieser Gemeinschaft ist also relativ simpel, da man sich durch Aktivität und langfristige Beteiligung ‚Respekt‘ und Rechte erarbeiten kann, um Verantwortung zu übernehmen und für die entgeltlose Arbeit ‚belohnt‘ zu werden“, resümiert Lea Wall

Auch Evelyn Oberleitner ist begeistert: „Der Gastvortrag von Frau Claudia Garád war nicht nur sehr interessant aufbereitet, sondern bot uns zusätzlich Antwort auf viele Fragen in Bezug auf die gesellschaftlichen Aspekte von Wikipedia. Besonders interessant fand ich, dass die MitarbeiterInnen von Wikipedia auf rein ehrenamtlicher Basis arbeiten und der Gesellschaft ihr Wissen ohne jegliche kommerzielle Absichten zur Verfügung stellen. Die kritischen Fragen rund um das Thema Fake News und wer denn dieses Wissen überhaupt kontrolliere, wurden von Frau Garád detailliert erklärt und widerlegten meine bislang skeptische Einstellung zu Wikipedia.“

„Wikipedia benützt jeder Mensch, doch einmal von der Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich Claudia Garád Insiderinfos zu hören, erlebt nicht jeder. Durch ihren sehr jungen und hippen Sprachstil bekam der Vortrag seine eigene interessante Würze. Sie erzählte uns nicht nur, wie Wikipedia funktioniert, sondern auch über andere Wikimedia Projekte wie WikiData und Women in Red. Das Ziel von Women in Red besteht darin, dass mehr deutschsprachige Artikel über Frauen entstehen, die es bereits in anderssprachigen Wikipedien gibt oder zumindest schon in Wikidata eingetragen wurden. Dieses Projekt versucht dem Gender Gap in der Community entgegen zu steuern. Im Anschluss fand eine offene Fragerunde statt, bei der man auch essentielle Informationen über Finanzierung und Hauptsponsoren von Wikimedia erfuhr. Alles in allem war es ein höchst interessanter Vortrag und ich bin froh, dass ich ein aktiver Teil davon sein durfte“, zieht Emil Sperl sein Fazit. 

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