Literatur und Medienkunst im virtuellen Raum

Bilder aus der Inszenierung von "Nachtgerüche"

Kunstforschungsprojekt "Wearable Theatre" auf der Frankfurter Buchmesse

Im Projekt „Wearable Theatre. The Art of Immersive Storytelling“ untersuchen Kunst- und MedienforscherInnen des Instituts für Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten in Zusammenarbeit mit dem OAA-Konservatorium für Schauspiel Wien „Virtual Reality“ (VR) auf sein dramatisches, narratives und strukturelles Potential. Ziel ist es, 360°-VR als Erlebnisform für literarische Stoffe zu erschließen und nutzbar zu machen. Dieses Jahr wurden die im Projekt erarbeiteten Erkenntnisse erstmals in Form einer VR-Theaterinszenierung auf die Bühne gebracht. Von 10. bis 14. Oktober wird das Projekt auf der Frankfurter Buchmesse einem literaturaffinen Publikum präsentiert.

Annäherung an literarische Vorlagen mittel VR

1968 war in Marshall McLuhans deutscher Erstausgabe der „Gutenberg-Galaxis“ vom Ende des Buchzeitalters zu lesen. Die neuen Medien, so seine bekannte These, würden das Buch aber nicht einfach ablösen, sondern die Art seines Gebrauchs verändern. 2018 ist mit „Wearable Theatre. The Art of Immersive Storytelling“ ein Projekt auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast, das sich literarischen Vorlagen anhand aktueller Virtual-Reality-Techniken annähert. „Theater wird hier nicht nur als Bühnenphänomen an der Schnittstelle von virtuellen und physischen Orten neu befragt, sondern auch seine Wurzeln in der Literatur. Kann VR in innovativer Weise neugierig machen auf die adaptierten literarischen Stoffe?“, so Projektleiter Markus Wintersberger, Dozent im Department Medien und Digitale Technologien der FH St. Pölten, der bei der Frankfurter Buchmesse auf Einladung des Goethe Instituts über das Projekt berichten wird.

Im dreijährig angelegten Projekt erforscht ein interdisziplinäres Team aus AutorInnen aus den Bereichen Regie, Medienkunst, Schauspiel, Dramaturgie, Komposition und Medientechnik die Zusammenhänge zwischen Kunst und Technologie, Immersion (Eintauchen in VR) und Empathie sowie virtueller Realität und Literatur. Als Ausgangspunkt der Untersuchungen wurden Autoren mit existenziell atmosphärischem Erzählton ausgewählt: Fjodor M. Dostojewski, Albert Camus und Max Frisch.

Neue Vielfalt an Erzählperspektiven

Das Forschungsprojekt strukturiert und durchleuchtet ästhetische Variablen in zwölf experimentellen Schritten, wobei jedes Experiment auf einen spezifischen Erlebnisaspekt von 360°-VR fokussiert. „Die Erzählperspektiven der ausgewählten literarischen Sequenzen werden mit den ästhetischen Variablen kombiniert, mit dem Ziel, die visuellen, akustischen und atmosphärischen Möglichkeiten von 360°-VR in ihrem vollen Potential dramatisch zu nutzen“, erklärt Wintersberger. „Die im Projekt gewonnenen Informationen sollen neue Perspektiven und Erzählmuster von VR-Dramaturgien erschließen und somit Anstoß einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucks-, Wahrnehmungs- und Erlebnisform werden.“

Erste öffentliche Vorführungen

Auf Basis des im Projekt gesammelten Wissens inszenierte das ForscherInnenteam in Kooperation mit dem Projektpartner OAA-Konservatorium für Schauspiel Wien dieses Jahr das erste VR-Theaterstück „Nachtgerüche“, das als eine von insgesamt 52 Stationen von „#Wien5 – die Kunst der Nachbarschaft“ im OAA-Konservatorium für Schauspiel Wien aufgeführt wurde. Das Projekt „#Wien5“ wurde mit dem Dorothea-Neff-Preis ausgezeichnet, das die besten Produktionen des Wiener Volkstheaters ehrt.

„Signifikante Kirchen und Hinterhöfe des Wiener Bezirks Margareten wurden szenischer Schauplatz einer virtuellen Begegnungswelt. Virtuelle und reale Bilderwelten changierten in dieser theatralen Installation, ertasteten ein literarisches Wirklichkeitsgefüge von Freiheit und Besessenheit und kreierten mit dem Schauspielensemble des Black Box Theaters ein ‚Wearable Theatre‘“, so der Autor, Regisseur und Projektpartner Marcus Josef Weiss.

„Die nächsten Schritte im Projekt sind die Arbeit an virtuellen Bühnenräumen, die Präsentation der Ergebnisse auf fachspezifischen Veranstaltungen und weitere, tiefergehende Arbeit an einer umfangreichen Inszenierung, die kommendes Jahr über die Bühne gehen soll“, erklärt Wintersberger.

Projekt „Wearable Theatre“

Das Projekt „Wearable Theatre“ wird im Rahmen des Programms zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK) durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert. Nationaler Forschungspartner des Projektes ist die OAA-Wien Konservatorium für Schauspiel.

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