Nachhaltigkeit im Ausnahmezustand

"Politisch, nicht privat!": Gastkommentar von Nachhaltigkeitsexperte Fred Luks

Ungebremste Klimaerwärmung, Populismus, weltweite Ungleichheit, disruptive Technologieveränderungen, wachsende Wissenschaftsfeindlichkeit: Diese unvollständige Liste ist kein Zeichen von Weltuntergangshype, sondern listet reale Entwicklungen auf, die uns beschäftigen sollten.

Wir befinden uns im Ausnahmezustand, konfrontiert mit der Paradoxie, die für unsere Gegenwart charakteristisch ist: Wir müssen unsere westliche Lebensweise verteidigen, wenn wir auch in Zukunft gut leben wollen – und gleichzeitig eben diese Lebensweise radikal ver­ändern, wenn sie sozial und ökologisch vertretbar sein soll. Ein „weiter so“ ist in diese Situation keine Option.

Das gilt auch für das Thema Wachstum. Die Politik ist hier voll und ganz vom Traum vom „grünen Wachstum“ beherrscht – also der Vorstellung eines umweltverträglichen Wachstums. Das Problem mit diesem Traum ist, dass er eben das ist: ein Traum. Denn bisher, so zeigen empirische Studien, findet eine absolute Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltverbrauch nicht statt. Die Welt erlebt gerade das Gegenteil von „grünem Wachstum“. Davor die Augen zu verschließen, ist sicher keine „nachhaltige“ Zukunftsstrategie.

„Postwachstum“ als Gegenkonzept zum grünen Wachstum

Dieser Befund gilt bislang leider auch für „Postwachstum“, sozusagen das Gegenkonzept zum grünen Wachstum. Die Idee – Wirtschaften ohne Wachstum – hat ökologisch einiges für sich. Wie sie sozial und politisch realisiert werden kann, ist allerdings völlig offen. Sicher ist es keine Option, angesichts globaler Armut den Ländern des Südens nahezulegen, auf Wachstum zu verzichten. Doch gerade weil im globalen Süden Wachstum unverzichtbar ist, sollten reiche Länder sich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie in erfolgreiches Wirtschaften möglich ist, ohne auf Dauerexpansion angewiesen zu sein.

Vor diesem Hintergrund ist es völlig verfehlt und höchst befremdlich, wenn um das Klima besorgte Jugendliche allen Ernstes nach der ökologischen Korrektheit ihres individuellen Verhaltens gefragt werden. Sicher ist es gut, bei Dingen wie Ernährung und Mobilität die Nachhaltigkeit im Blick zu haben. Eine wachstumsorientierte Gesellschaft nachhaltig und klimaverträglich zu organisieren, ist aber keine private Frage, sondern eine dezidiert politische. Und eine offene – und genau in dieser Offenheit liegt ein Grund zur Hoffnung.

Fred Luks ist Nachhaltigkeitsexperte, Redner und Publizist. Er unterstützt Organisationen in Sachen Zukunftsfähigkeit. Mehr unter www.fredluks.com.

Der Gastkommentar ist im FH-Magazin future 10 erschienen.

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