„Wir leben alle im identitären Prekariat.“

Isolde Charim, Johannes Pflegerl, Credit: Daniel Novotny, FHSTP / Foto Kraus

Isolde Charim und Johannes Pflegerl im Gespräch über unsere neue, pluralisierte Gesellschaft

Frau Charim, Ihr aktuelles Buch handelt davon, wie „die neue Pluralisierung uns alle verändert.“ Können Sie kurz erklären, was genau Sie hier mit „neue Pluralisierung“ meinen?

Charim: Pluralisierung meint die völlig neue Zusammensetzung der Gesellschaft – eine Veränderung, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren stattgefunden hat. Es ist wichtig festzuhalten, dass Pluralisierung kein politisches Projekt, sondern ein Faktum ist. Ein Faktum, das aus einer Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes resultiert: aus der Bewegung der Migration.

Welche Auswirkungen hat diese „neue Pluralisierung“ auf unsere Gesellschaft?

Pflegerl: Das Faktum, dass wir in einer pluralen und diversen Gesellschaft leben, wird für uns alle im Alltag deutlich sichtbarer. Die Herausforderung besteht darin, dies anzuerkennen. Denn es lässt sich in der heute globalisierten Welt nicht mehr umkehren, auch wenn sich viele wieder eine homogenere Gesellschaft wünschen. Wichtig wird sein, das Chancenpotential einer pluralen Gesellschaft deutlicher zu vermitteln. Das ist nicht leicht, denn derzeit dominieren eher Angst und Hass und Tendenzen der Abschottung. Damit lassen sich aber die zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie etwa der Umgang mit der insgesamt älter werdenden Gesellschaft oder der Bedarf an neuen Arbeitskräften in mehr werdenden Berufsfeldern, nicht lösen.

Inwieweit führt der zunehmende interkulturelle Austausch zum Verlust der eigenen kulturellen Identität – bewegen wir uns hin zu einer globalen Einheitskultur?

Charim: Nein, keineswegs. Tatsächlich ist der interkulturelle Austausch ja eher die Ausnahme. Die Regel ist zunehmend die Abwehr der Pluralisierung und damit die Abschottung der eigenen Kultur. Also eine Verhärtung und Verfestigung der eigenen Kultur, die in den Kampfmodus gezwungen wird.

Frau Charim, Sie vertreten in Ihrem Buch die These, dass wir heute weniger „Ich“ sind beziehungsweise sein müssen, um mit den veränderten gesellschaftlichen Realitäten umzugehen. Warum?

Charim: Österreicher-sein ist heute etwas ganz Anderes als noch vor ein paar Jahren. Das neue Nebeneinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen bewirkt, dass sich unser aller Identitäten – so unterschiedlich sie auch sein mögen – auf dieselbe Art verändern: Sie relativieren sich aneinander. Sie grenzen sich gegenseitig ein. Wir sind heute weniger selbstverständlich Ich. Wir leben – alle – im identitären Prekariat. In diesem Sinne sind wir Weniger-Ichs. Und das verlangt jedem Einzelnen einen Mehraufwand ab, um seine eigene Identität zu bestätigen.

Die Forderung nach Integration, vor allem Seitens der Politik, läuft nach Ihrer Analyse ins Leere. Warum?

Charim: Das ist etwas verkürzt. Ich glaube aber, dass die Rede von Integration einen blinden Fleck erzeugt. Deshalb muss man sich eher fragen: Worum geht es, wenn man nach Integration ruft? Welche Vorstellung hat man, wenn man von Integration spricht? Es ist die Vorstellung, durch Integration, durch einen gewissen Grad an Anpassung, könne die Gesellschaft so bleiben wie sie bisher war. Das ist die trügerische Gewissheit, die die Rede von der „Integration“ garantieren soll. Pluralisierung aber ist ein unhintergehbares Faktum. Das lässt sich auch nicht durch noch so viel Integration rückgängig machen.

Wie sehen Sie das aus Sicht der Sozialen Arbeit, Herr Pflegerl?

Pflegerl: Die gängige Vorstellung von Integration in Österreich heißt tatsächlich Anpassung, das heißt Personen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, gelten dann als integriert, wenn sie unsere Norm- und Wertvorstellungen weitgehend übernommen haben. Wir sprechen daher lieber von „Inklusion“. Im Unterschied zu Konzepten der Integration geht es nicht darum, dass Einzelne oder Gruppen in ein größeres Ganzes eingegliedert werden sollen, sondern es gilt zu verstehen, dass durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen insgesamt neue Formen des Zusammenlebens in einem wechselseitigen Prozess entstehen. Aus Sicht der Sozialen Arbeit geht es bei Inklusion darum, die Teilhabe an der sich wandelnden Gesellschaft zu ermöglichen und Barrieren für eins solche Teilhabe zu erkennen und aktiv zu beseitigen.

Dr. Isolde Charim,

geboren in Wien, Studium der Philosophie in Wien und Berlin, arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der "taz" und der "Wiener Zeitung". 2006 erhielt sie den Publizistik-Preis der Stadt Wien. Im Frühjahr 2018 erschien ihr neuestes Buch "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert", für das sie den Philosophischen Buchpreis 2018 erhielt.

FH-Prof. Mag. Dr. Johannes Pflegerl,

ist Leiter des Ilse Arlt Instituts für Soziale Inklusionsforschung an der FH St. Pölten. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in den Bereichen Migration und Familie, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Partnerschaft und Gewalt in der Familie sowie Sozialgeschichte der Familie.

Interview: Eva Schweighofer

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