Was Hänschen nicht wissen konnte

Dossier: Future Work Skills

In kürzester Zeit hat die Coronakrise unsere Arbeitswelt komplett auf den Kopf gestellt: Hochschulen verlagern von heute auf morgen den Großteil der Lehre auf digitale Formate. Homeoffice wird nicht nur salonfähig, sondern zum Gebot der Stunde. 

Natürlich gibt es auch Arbeitsbereiche, für die der direkte persönliche Kontakt unverzichtbar ist – wie Handel, Gesundheitsversorgung oder Infrastruktur. Und auch die 100-prozentige Fernlehre wird nicht von ewiger Dauer sein.

Neue Arbeitswelten

Auch ohne Krise verändert sich die Arbeitswelt. Neue Technik, neue (Online-)Geschäftsmodelle und vieles mehr erfordern von Mitarbeiter*innen neue Fähigkeiten. Das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist in gewisser Weise noch gültig, wirkt aber in Zeiten des lebenslangen Lernens ein wenig überholt. Erwachsene Arbeitnehmer*innen sind heute gefordert, sich ständig weiterzuentwickeln.

Durch die sich rasch wandelnde Welt – Stichwort Digitalisierung – braucht Hans heute Fähigkeiten, von denen Hänschen, seine Lehrer*innen, Uniprofessor*innen und Mentor* innen vor Jahrzehnten und sogar vor wenigen Jahren noch keine Ahnung hatten. Menschen mittleren Alters können sich noch daran erinnern, wann sie ihr erstes Mail geschrieben oder ihr erstes Handy benutzt haben. Das Faxgerät ist aus fast allen Büros verschwunden, dafür sollte man wissen, was ein Boomerang auf Instagram kann.

Zukünftige Fähigkeiten für Zukunftsfähigkeit

Fachwissen bleibt wichtig. Das steht nicht zur Diskussion. Als Work Skills der Zukunft, ohne die es im Job nicht geht, gelten aber kritisches Denken, Kreativität, Problemlösungskompetenz, Selbstmanagement, emotionale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit sowie das erfolgreiche Arbeiten in interdisziplinären und internationalen Teams. Die Studiengänge der FH St. Pölten fördern all diese Fähigkeiten mit vielen Projekten

Die Studiengänge der FH bewegen sich per se sehr nah an den Erfordernissen der Praxis und Bedürfnissen der Arbeitswelt, was ein generelles Qualitätsmerkmal des Studiums an einer Fachhochschule ist.

Monika Vyslouzil, Leiterin des FH-Kollegiums der FH St. Pölten

Laut Monika Vyslouzil, der Leiterin des Kollegiums der FH St. Pölten, lässt sich die Frage nach den Future Work Skills nicht auf den Ausbildungsbereich oder gar die Welt der Fachhochschulen beschränken. 

Indem sie die Lehre mit anwendungsorientierter Forschung verbindet, stattet die FH St. Pölten ihre Studierenden mit den besten Fähigkeiten für die Zukunft aus. Entscheidend ist laut Vyslouzil im Kontext der Future Work Skills auch die Fähigkeit, flexibel auf Umbrüche zu reagieren, sei es Digitalisierung oder Klimawandel oder – ganz aktuell – eine unvorhersehbare gesundheitliche Krisensituation. Und auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit beim Lösen von Problemen gilt in solchen Situationen als Future Work Skill.

Interdisziplinarität wird bei uns großgeschrieben. Durch die unterschiedlichen Departments ergeben sich optimale Möglichkeiten übergreifender Lehrveranstaltungen und Projekte, die das Lernen über den eigenen Horizont hinaus ermöglichen und damit eine wertvolle Grundlage für die Offenheit in der interdisziplinären Zusammenarbeit im Beruf legen.

Monika Vyslouzil, Leiterin des FH-Kollegiums der FH St. Pölten

Um die großen Aufgaben der Gesellschaft zu lösen, braucht es Vyslouzil zufolge kritische Geister, die sich an den Vorgaben der Vereinten Nationen orientierten, um nachhaltige Entwicklungsziele zu erreichen, und dabei im Lernen und Handeln flexibel blieben.

Welche Fähigkeiten brauchen Mitarbeiter*innen? 3 Kommentare

Lernen aus der Krise

Der Wandel der Lebens- und Arbeitswelt wird angetrieben von globalen gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen. Dies bedeutet nicht nur neue und höhere Anforderungen an die technologischen und digitalen Fähigkeiten der Beschäftigten, sondern auch hinsichtlich der geforderten Soft Skills.

Die wachsende Komplexität und Vernetztheit erfordert nicht nur höhere fachliche Qualifikationen, sondern Mitarbeiter*innen müssen in Zukunft noch anpassungsfähiger, flexibler, kreativer und teamfähiger sein als bisher. Zudem sollten sie vernetzt denken können und interkulturelle Kompetenz mitbringen.

Durch die weltweite Covid-19-Pandemie wird deutlich, wie sehr Wirtschaft und Gesellschaft global vernetzt sind, welche ungeheure Bedeutung die Digitalisierung für das Funktionieren der Gesellschaft und die Entwicklung von Lösungsstrategien hat, Stichwort Data Science. Lösungsstrategien, auch das wird in der Krise besonders sichtbar, erfordern Kooperation, auch über nationale und kulturelle Grenzen hinweg.

Wilhelm Brandstätter, Sektion für Universitäten und Fachhochschulen im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung

Lehren, was morgen zählt

Damit sich (Fach-)Hochschulen auf diese Situation einstellen und entsprechend ausbilden können, brauchen sie laut Brandstätter neben der Präsenzlehre neue Lernorte, virtuell und physisch. „Die zunehmende Diversifizierung der Studierenden erfordert vielfältige Angebote, aber auch flexible Programme und die Entwicklung neuer Lehr- und Lernformate, die den unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebensrealitäten der Studierenden angepasst sind“, so Wilhelm Brandstätter von der Sektion für Universitäten und Fachhochschulen im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Der österreichische Hochschulsektor, und gerade auch der Fachhochschulsektor, hätten hier viele Best-Practice-Beispiele vorzuweisen, sei es in der Entwicklung innovativer Studienmodelle wie etwa der dualen Studienprogramme, in denen ein Ausbildungsbetrieb als zusätzlicher Lernort in die Ausbildungspartnerschaft quasi „hereingeholt wird“, oder durch innovative Lehr- und Lernformen, bei denen projektbasiertes Lernen in internationalen Teams erfolgt und so reale Bedingungen der Arbeitswelt im Studium erprobt und erlernt werden. Auch die Förderung unternehmerischen Denkens und die Unterstützung von Start-ups zählen für Brandstätter dazu.  

Future Work Skills: 3 Kurzinterviews

Innovative Lehrmethoden an der FH St. Pölten

In allen diesen Bereichen gehört die FH St. Pölten zu den Vorreiter*innen unter den Bildungsinstitutionen, etwa durch das eigene Start-up- Programm „Creative Pre-Incubator“, das Interdisciplinary Lab (iLab, siehe Seite 17) und den Einsatz innovativer Lehrmethoden. Das Service- und Kompetenzzentrum für Innovatives Lehren und Lernen (SKILL) der FH St. Pölten unterstützt Lehrende dabei, innovative Lehrmethoden zu erproben. Ein Ansatz ist das projektorientierte Lernen.

Projektorientiertes Lernen schafft einen optimalen Rahmen, in dem zweierlei möglich wird: Studierende profitieren in der Teamarbeit von der Vielfalt der Gruppe und können individuelle Fähigkeiten einbringen, im Team lernen und an den eigenen Kompetenzen arbeiten. Und sie erkennen, dass ihr Lernerfolg mit der Fähigkeit zu Eigeninitiative, Eigenmotivation, Teamarbeit und Kooperationsbereitschaft zusammenhängt.

Josef Weißenböck, Service- und Kompetenzzentrum für Innovatives Lehren und Lernen (SKILL) der FH St. Pölten

Blick nach vorne: Studiengänge entwickeln

Die Entwicklungsteams für neue Studiengänge und die Studiengangsleitungen bestehender Studiengänge an der FH St. Pölten legen großen Wert darauf, diese sogenannten Future Work Skills zu vermitteln und in den Studienprogrammen und Unterrichtsmethoden zu berücksichtigen. Unterstützt werden sie dabei vom FH-Service Hochschulentwicklung.

Wir fragen Unternehmen und Praktikumsanbieter* innen nach dem Bedarf an Kompetenzen außerhalb des konkreten Fachs und bitten um einen Ausblick in die Zukunft. Die Future Work Skills passen zum Konzept der Kompetenzorientierung, das wir verfolgen: Alle Curricula der Studiengänge sollen in ihren Lehrveranstaltungen und Modulen Kompetenzen vermitteln, die letztendlich die Handlungskompetenz der Absolventinnen und Absolventen stärken.

Katalin Szondy, FH-Service Hochschulentwicklung der FH St. Pölten

Zu diesen Kompetenzen gehören neben der Fachkompetenz (Fachwissen) auch die Methodenkompetenz (etwa darüber, wie man Wissen erwirbt) sowie die Sozialkompetenz und Selbstkompetenz. Letztere umfasst neben Einstellungen, Motiven und Wertehaltungen etwa Selbstwahrnehmung und Selbstorganisation.

Laut Katalin Szondy vom FH-Service Hochschulentwicklung der FH St. Pölten erweisen sich vor allem duale Studiengänge als besonders gut geeignet für die Vermittlung der Future Work Skills. Studierende dieser Studiengänge profitieren davon, dass hier Theorie und Praxis besonders eng verzahnt sind und Unternehmen als zweite Lernorte eingebunden werden.

Die Coronakrise hat zudem die Diskussion angefacht, welche Jobs für die Gesellschaft am notwendigsten sind, um zumindest auf Sparflamme zu funktionieren. Diese Diskussion wird wohl auch nach der Krise fortgeführt werden.

FH-Magazin future 12: "Future Work Skills"

 

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