Ethik im Internet: "Wir sind an einem Wendepunkt"

Prof. Dr. Petra Grimm ist Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien Stuttgart und leitet seit 2014 zudem das dort angesiedelte Institut für Digitale Ethik.

Medienexpertin Petra Grimm fordert im Interview, dass sich Unternehmen zu innovativen Smart-Data-Ansätzen verpflichten.

Was verstehen Sie unter „Digitale Ethik“ – und wofür brauchen wir sie?

Die Digitale Ethik befasst sich mit den Auswirkungen der digitalen Medien und der computergesteuerten Infrastruktur auf den Einzelnen und die Gesellschaft. Die Digitale Ethik reflektiert die in einer digitalen Gesellschaft geltenden Wertmaßstäbe und Überzeugungen. Sie muss gute Argumente vorbringen, warum bestimmte Werte und Normen im Internet und in der digitalisierten Umwelt gelten sollen und bietet Handlungsorientierung.

Obwohl wir täglich im Internet unterwegs sind, gibt es bis dato keine Standards für moralisches Handeln.

Wir sind ja gerade dabei, uns über ethische Standards im Internet und im Umgang mit einer digitalisierten Infrastruktur zu verständigen. Wie vor fast 40 Jahren, als das Bewusstsein für Umweltschutz plötzlich politisch und ökonomisch Fahrt aufnahm, stehen wir heute wieder an einem Wendepunkt: Wir müssen uns der ethischen und datenökologischen Verantwortung bewusst werden.

Stichwort Daten: Was sagen Sie zur Kritik, Datenschutz hemme den Wettbewerb?

Datenschutz ist kein Verhinderer, sondern eine Chance für innovative nachhaltige Geschäftsmodelle. Wer Privacy durch die Technologie schützt, hat einen Wettbewerbsvorteil. Für Unternehmen stellt sich in verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel dem autonomen Fahren, der künstlichen Intelligenz, der Robotik et cetera die Frage, wie Digital Ethics by Design, also nachhaltiges Datenwirtschaften, umsetzbar ist.

Wie lässt sich in Zukunft eine digitale Ethik sicherstellen?

Unternehmen müssten sich zu innovativen Smart-Data-Ansätzen verpflichten, das heißt, ethische Prinzipien schon bei der Entwicklung umsetzen. Ebenso brauchen wir einen Dialog über die mit der Digitalisierung verbunden Chancen, aber auch Risiken. Die Digitale Ethik kann hier in ihrer Funktion als Steuerungs- und Reflexionsinstrument Hilfe leisten und moderieren. Des Weiteren muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe die Förderung einer nachhaltigen Digitalkompetenz erkannt werden. Master-Studierende der Hochschule der Medien Stuttgart haben dazu „10 Gebote der Digitalen Ethik“ erarbeitet, die uns NutzerInnen anregen sollen, über die eigene Haltung und das eigene Verhalten im Netz nachzudenken.

10 Gebote der Digitalen Ethik

  1. Erzähle und zeige möglichst wenig von dir.
  2. Akzeptiere nicht, dass du beobachtest wirst und deine Daten gesammelt werden.
  3. Glaube nicht alles, was du online siehst und informiere dich aus verschiedenen Quellen.
  4. Lasse nicht zu, dass jemand verletzt und gemobbt wird.
  5. Respektiere die Würde anderer Menschen und bedenke, dass auch im Web Regeln gelten.
  6. Vertraue nicht jedem, mit dem du online in Kontakt bist.
  7. Schütze dich und andere vor drastischen Inhalten.
  8. Messe deinen Wert nicht an Likes und Posts.
  9. Bewerte dich und deinen Körper nicht anhand von Zahlen und Statistiken.
  10. Schalte hin und wieder ab und gönne dir auch mal eine Auszeit.

Link: http://www.digitale-ethik.de/beratung/10-gebote/

Zur Person

Petra Grimm ist Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien Stuttgart und leitet seit 2014 zudem das dort angesiedelte Institut für Digitale Ethik.

Das Interview erschien im FH-Magazin future 06.

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