Besser wendig als auswendig

Christian Drastil, CEO von Börse Social Network

Experte Christian Drastil im Gespräch über Finanzkommunikation

Tatjana Aubram (Teaching & Research Assistant des Master Studiengangs Wirtschafts- und Finanzkommunikation) im Gespräch mit Christian Drastil (CEO von Börse Social Network, Börse Social Magazine, Inhaber Sport Woche, Runplugged und Österreich-Promoter von boersenradio.at)

Sie sind seit Jahren im Bereich Wirtschafts- und Finanzkommunikation tätig. Was fasziniert Sie an diesem Themenfeld?

Börsethemen generell und das Verstehen-Wollen von Investmentstories hinter den einzelnen Unternehmen zähle ich zu meinen Hobbies. Insofern ist die persönliche Herausforderung dabei, rundherum tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln, damit man das Hobby zum Job machen kann.

Den Online-Auftritt des WirtschaftsBlatts durften wir vor 20 Jahren beispielsweise auf die grüne Wiese setzen. Wir hatten von den Eigentümern die Pouvoirs, das Unternehmen, das bei dessen Gründung mit der gleichnamigen Tageszeitung nur mit dem Namen verbunden war, nach unseren eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Wäre es eine Tochtergesellschaft gewesen, hätte ich den Job nicht angenommen.

Eigene Ideen zu verwirklichen ist mir schon wichtig. Die einzige Vorgabe war, dass wir Geld verdienen würden. Und weil ich das Börsegeschäft über meinen vorigen Job in einer Großbank gelernt habe, brachte ich diese Erfahrungen ins WirtschaftsBlatt ein.

Wir suchten uns also die Börse als Wirtschaftsnische, weil wir dort Know-how hatten. Glück war auch dabei, da die erste Hälfte der Nullerjahre einen Börseboom brachte. Wir erzielten Jahr für Jahr schöne Gewinne – einerseits mit dem Unternehmen und andererseits auch an der Börse, da wir stets ein öffentliches Real Money Depot mit österreichischen Aktien mitführten.

Mitte 2000 konnte ich meine Unternehmensanteile mit schönem Gewinn verkaufen. Ein neuer Eigentümer wollte Print und Online zusammenführen. Das ist das gute Recht des Eigentümers und es gehört in der Wirtschaft zu den ganz wichtigen Dingen, dass man sich auch mal von Unternehmensanteilen trennt, auch wenn es emotional schwer fällt.

Rückwirkend ist man immer klüger und ich konnte damals nicht ahnen, dass ich das Glück hatte, just zum Höhepunkt eines Konjunkturzyklus verkauft zu haben.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass die Faszination darin besteht, das Geschäftsmodell in Bereichen zu finden, die man persönlich mag. Dann arbeitet man automatisch gerne. Und ohne Liebe geht heute gar nichts mehr.

Seit Ende 2011 sind Sie selbstständig und arbeiten an vielen unterschiedlichen Projekten in den Bereichen Finanzkommunikation, Sport, Musik und vieles mehr. Wie lassen sich diese Bereiche miteinander verbinden und was sind die Gründe für diese breite thematische Aufstellung?

Die Verbindung ist, dass diese Bereiche einfach meine Interessen sind und mein Leben ausmachen. Insofern bin ich da – rein für mich gesprochen – sicher besser und vor allem authentischer, weil fachlich sicherer, als in anderen Dingen die mich nicht so erreichen.

Das Schöne an der Selbstständigkeit ist, dass ich meine Interessen zu meinem Beruf machen kann.

Mit Ihren Projekten leisten Sie einen wesentlichen Beitrag zur Förderung der Kapitalmarktkultur in Österreich. Sie haben dafür im Jahr 2011 sogar den IVA-David verliehen bekommen. Wie sehen Sie den österreichischen Kapitalmarkt heute und was wären Ihrer Meinung nach die wichtigsten Fördermaßnahmen?

Der IVA-David ist wohl jener Preis, der mich von allen bisher erhaltenen Auszeichnungen am meisten freut, weil die Gesamtaktivitäten über die Jahre beurteilt wurden. Und es ehrt natürlich, zu den Förderern der Kapitalmarktkultur zu zählen.

Wie ich den Markt heute sehe? Nun, er hatte nie große Bedeutung im eigenen Land und die Wahrnehmung ist, dass die Bedeutung immer weiter zurückgeht, weil politisch nicht gewollt. Jede neue Regierung ist eine Hoffnung, bis jetzt wurde man aber stets enttäuscht. Fördermaßnahmen gibt es keine nennenswerten, aber das ist die Chance.

Schon eine kleine „Absoftung“ der steuerlichen Schlechterstellung bei der meines Erachtens unausgewogenen WP-KESt könnte der Trigger für eine Rückkehr der Privatanleger werden. Ich schätze, dass es vor 15 Jahren drei Mal so viele Privatanleger wie heute gab. Man kann schon behaupten, dass Eigentum politisch nicht gewollt ist. Sebastian Kurz sagt zwar etwas anderes, aber schauen wir mal, ob er das in seiner zweiten Kanzlerperiode auch liefern wird.

Dazu noch ein Sidestep: Ich schreibe regelmäßig für das Magazin WIENER. Da gibt es stets ein übergeordnetes Thema. In der nächsten Ausgabe ist das Thema „Neid“ und ich wurde gefragt, ob ich dazu eine Doppelseite schreiben könne. Meine Antwort: Kinder, zu diesem Thema könnte ich Euch das ganze Heft füllen!

So sieht es leider aus, Unternehmer und Aktionäre wurden als Feindbild aufgebaut und das ist schwer aus den Köpfen zu bekommen. Die traurigen Null- bzw. Negativzinsen bieten jetzt aber eine Chance, eine diversifizierte Geldanlage wieder salonfähiger zu machen.

Welche Tipps können Sie Studierenden des Master Studiengangs Wirtschafts- und Finanzkommunikation geben, um später erfolgreich in der Finanzkommunikation zu sein?

Praxis, Praxis, Praxis. Lesen Sie Geschäftsberichte, versuchen Sie Geschäftsmodelle zu verstehen bzw. warum Aktien steigen oder fallen. Nicht immer wird man das begründen können und oft auch nicht begreifen. Geht mir als altem Hasen auch so. Aber es ist schon eine herrliche Soap Opera, dieses Börsegeschäft.

Wenn Trump Zölle verhängt, dann ist es doch logisch, dass Unternehmen, die von den Zöllen betroffene Produkte exportieren, eher Kursverlierer sein werden. Es geht um das Verstehen der Zusammenhänge, Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Börsenkurse, Strategiewechsel. Ich empfehle das laufend auf Basis der aktuellen Geschehnisse zu tun.

Nehmen wir doch nur die berühmten „Aktien für die Enkerln“. Als ich angefangen habe, waren solche Enkerl-Aktien z. B. Microsoft oder in Europa Nokia. Man meinte, die kann man ewig im Depot lassen. Man wäre auch reich mit dieser 2-Aktien-Strategie geworden, Microsoft hat sich im Kurs vervielfacht, während Nokia zum Mega-Flop wurde.

Aber fallen kann man halt nur um bis zu 100 Prozent und nach oben gehen mehrere 100 Prozent. Trotzdem ist die Message am Beispiel Nokia, dass ein Favorit nicht immer ein Favorit bleiben muss, man also laufend seine Investments überprüfen sollte.

Für mich als Medienmensch ist es schon wichtig, dass Leute, die in der Finanzkommunikation tätig sind, auch authentische Auskenner der Investmentwelt sind und nicht nur z. B. in Regulativdingen Spitze sind bzw. den Kommunikations-Speech auswendig gelernt haben. Besser wendig als auswendig, es ist eine schnelle Welt, die aber niemandem Angst machen muss. On the job lernt man viel. Und durchaus auch mal selbst Aktien beimischen.

Ihnen liegt das Thema Financial Literacy und ihre Förderung am Herzen. Mit welchen konkreten Maßnahmen möchten Sie die Financial Literacy in der breiten Bevölkerung erhöhen?

In diesem Bereich engagieren sich die Banken oder die Börse sehr. Mit deren Kraft kommt man nicht mit, das ist auch nicht der Anspruch. Unser Beitrag zur Financial Literacy ist, glaube ich, das erwähnte On-the-Job-Service. Wir haben uns Completeness verpasst, was die News zum Wiener Markt betrifft. Wir haben auch keine Angst, öffentlich zu investieren und so die Auswirkungen zu zeigen. Aus 10.000 investierten Euro im Jahr 2002 wurden volltransparent per jetzt rund 107.000 Euro.

Man konnte jede einzelne Order mitverfolgen, das über 17 Jahre. Und ich werde das im nächsten Jahr noch ausweiten, in dem ich nicht nur in Aktien, sondern auch in Zertifikate investieren werde. Ich denke, auch die Initiative „Opening Bell“ bringt neue Kreise ins Börseumfeld. Und neu ist jetzt auf Spotify „Der Podcast für junge Anleger jeden Alters“.

Da schließt sich auch der Kreis, denn für diesen Podcast durfte ich ja Sie (Tatjana Aubram) interviewen, danke dafür. Ziel ist es, mit einer Vielfalt an Beiträgen à la „Was ist eine Aktie?“ oder „Was tun Analysten?“ einsteigergerecht Leute „reinzuholen“. Leider schaffe ich es nicht, das linear zu erzählen, aufbauendes Wissen geht aus Zeitgründen nicht, ich synchronisiere das vielmehr mit meinen Terminen.

Sehr wohl mit einer gewissen aufbauenden Chronologie wird mein Buch zur Wiener Börse aufwarten können. Daran bastle ich gerade und der Verlag wünscht sich einen mutigen Titel: Wie man an der Wiener Börse langfristig reich wird. Ich sage: In Kombination mit dem Wort „langfristig“ passt das schon gut für mich.

Interesse an der Wirtschafts- und Finanzwelt geweckt?

Der Master Studiengang Wirtschafts- und Finanzkommunikation vermitteln durch praxisnahe Aus- und Weiterbildung wirtschaftliche und digitale Fähigkeiten als Grundlage für Karriere in der Finanzkommunikation.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Monika Kovarova-Simecek.

Weitere Artikel zum Themenbereich der Financial Communications finden Sie auch auf unserem Blog für Financial Communications.

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