„Mit KI sucht der Anwalt nur halb so lange“

Christian Dirschl und Tassilo Pellegrini

Interview zu Legal Technology

Tassilo Pellegrini von der FH St. Pölten und Christian Dirschl von Wolters Kluwer im „future“-Gespräch über Roboter Anwälte und den Nutzen künstlicher Intelligenz im Rechtswesen.

Bei Digitalisierung und Big Data denkt man nicht als erstes an das Rechtswesen. Was tut sich hinsichtlich Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen in der Branche?

Dirschl: Der Rechtsmarkt ist definitiv nicht der Vorreiter in der Digitalisierung. Anwälte und Rechtsprofis leben davon, ihre Expertise und den Aufwand für eine Tätigkeit zu verrechnen. Je erfahrener die Person, desto besser der Stundensatz. Daran hat sich zwar nichts geändert, allerdings entsteht Druck von zwei Seiten: Zum einen ist die Masse der Daten in großen Fällen manuell oft nicht mehr bewältigbar. Zum anderen macht auch der Kunde Druck, weil er beim Erstgespräch nicht mehr 500 Euro bezahlen will, ohne eine adäquate Gegenleistung wahrnehmen zu können.

Pellegrini: Mit der Entwicklung elaborierter technischer Systeme, wie der künstlichen Intelligenz, wird es möglich Wissen von Expertinnen und Experten auch maschinell zu repräsentieren. Hinzu kommt, dass sich Rechtsberufe immer mehr ausdifferenzieren. Paralegals, Personen ohne formaljuristische Ausbildung, nehmen eine Vermittlerrolle zwischen dem Verbraucher und den ursprünglichen Legal Experts ein und verlangen nach IT-Anwendungen, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Dieser Exklusivitätsverlust beim Wissen durch die künstliche Intelligenz auf der einen und die neuen Berufsbilder auf der anderen Seite sind Treiber und Effekt der Digitalisierung im Rechtsbereich.

Legal Technology versucht juristische Arbeitsprozesse zu automatisieren. Was waren die Entwicklungsschritte hin zu Legal Tech 3.0?

Pellegrini: Legal Tech 1.0 beinhaltet einfache Aktenverwaltungssysteme, Legal Tech 2.0 sind sogenannte Wiki-Systeme, durch die Akten kollaborativ kommentiert und editiert werden können. Legal Tech 3.0 beinhaltet ein Aktenanalysesystem, das auf Basis der inhaltlichen Analyse durch künstliche Intelligenz und Machine Learning über Informationen und Sachverhalte Auskunft gibt, die sich nicht unmittelbar erschließen.

Dirschl: Ein Beispiel für Legal Tech 3.0 ist Predictive Analytics. Auf Basis abgeschlossener Prozesse werden Aussagen über zukünftige Gerichtsprozesse gemacht. So kann etwa die Wahrscheinlichkeit bestimmt werden, mit der ein Richter oder eine Richterin zugunsten oder zuungunsten einer bestimmten Sache entscheiden wird.

Was kann die Digitalisierung im Rechtswesen nicht leisten?

Dirschl: Der „Robot-Lawyer“ wird in nächster Zeit nicht kommen. Die Informationsextraktion und Darbietung dient dazu, dass ein Mensch am Ende die Auswahl und Prioritätensetzung trifft. Es wird eher so sein, dass die technische Durchdringung der Gesellschaft zu einer intensiveren Nutzung von Rechtsinformation führt. Da werden Werkzeuge geschaffen, um diese Komplexität ein Stück weit abzufedern.

Pellegrini: Ich glaube nicht, dass die Technologie den Legal Expert ersetzen wird. Nicht weil die Technologie nicht dasselbe Abstraktionsniveau oder dieselbe analytische Präzision an den Tag legen kann. Es geht zum einen um Vertrauen, zum anderen um gesetzliche Bestimmungen: So vertraue ich bei einer Rechtsberatung tendenziell eher einem menschlichen Experten als einer Maschine. Oftmals gibt es gesetzliche Bestimmungen, die einen menschlichen Experten bei der Abwicklung von Rechtsgeschäften einfordern, wie etwa einen Notar beim Hauskauf. Die juristische Entscheidung darf in diesem Kontext nicht von einer Maschine kommen.

Welches Potenzial sehen Sie in der verstärkten Nutzung von Daten im Rechtswesen?

Dirschl: Generell geht man davon aus, dass ein Anwalt ungefähr 30 % seiner Zeit mit Suchen verbringt. Wir sagen, dass es mit bestimmten KI Technologien kein Problem sein sollte, das zu halbieren. Das bedeutet eine enorm hohe Effizienzsteigerung.

Pellegrini: Ein plakatives Beispiel kann ich aus meinem Forschungsprojekt DALICC (Data Licenses Clearing Center) berichten. Es handelt sich um eine künstliche Intelligenz, die unterschiedlichste Verfahren nutzt, um den schwierigen Prozess der Rechteklärung bei Lizenzen zu vereinfachen. Angenommen es stellt sich heraus, dass ein Unternehmen in einem Softwareprojekt 30 verschiedene Lizenzen nutzt. Der Arbeitsaufwand für ein Rechtsanwaltsbüro liegt bei drei Tagen: Zusammentragen der Lizenzen, die Analyse der Lizenzen und die Erstellung eines Gutachtens. DALICC erledigt dieselbe Arbeit in drei Minuten. Anhand dieses Werts sehen wir schon, wie disruptiv der Einsatz eines funktionierenden Systems in diesem Kontext sein kann. Für den Rechtsdienstleister wäre das eine unglaubliche Produktivitätssteigerung. Für den Nachfrager bedeutet es im Idealfall, eine massive Senkung der Kosten durch die Anwendung.

Welcher Bereich im Rechtswesen wird am stärksten betroffen sein?

Pellegrini: Es wäre nicht seriös zu beantworten, welcher Bereich „the next big thing“ sein wird. Wir werden aber immer leistungsfähigere Spezialanwendungen sehen, die dann mit der Zeit immer stärker zusammenwachsen. Das wird die Rechtsbranche in den kommenden 10-15 Jahren ähnlich massiv verändern, wie etwa die autonome Mobilität den Personen- und Güterverkehr.

Dirschl: Ich denke auch, dass der Trend von den Massenanwendungen kommen wird. Weil Algorithmen immer präziser werden und auch die Anbieter dazulernen, werden in nächster Zeit immer größere Bereiche des Wissens und der spezifischen Rechtsinformation abgedeckt werden.

Christian Dirschl ist Chief Content Architect im Innovation & UX Team bei der Wolters Kluwer Deutschland GmbH.

Tassilo Pellegrini ist Dozent am Department Medien und Wirtschaft der FH St. Pölten und leitet u. a. das Forschungsprojekt DALICC.

Interview: Jakob Leissing, FH St. Pölten

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FH-Prof. Mag. Dr. Pellegrini Tassilo

FH-Prof. Mag. Dr. Tassilo Pellegrini

FH-Dozent
Department Medien und Wirtschaft