„Wir müssen gesellschaftlichen Wandel verstehen“

FH-Professor Johannes Pflegerl

arlt.dialog #4. Johannes Pflegerl im Gespräch.

Johannes Pflegerl leitet das Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung. Anlässlich des Social Work Science Day sprach er mit arlt.dialog über aktuelle Entwicklungen in der Sozialarbeitswissenschaft.

Der Social Work Science Day stand heuer unter dem Motto „Selbstbefähigung ↔ Vernetzung ↔ Erwachsenenschutz. Soziale Arbeit mit alten Menschen und deren Angehörigen“. Vor welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit in der Arbeit mit älteren Menschen?

Für die Soziale Arbeit ist es nicht leicht, in der Arbeit mit älteren Menschen Fuß zu fassen. Das Feld ist sehr stark von anderen Berufsgruppen geprägt, die Soziale Arbeit ist kaum vertreten. Für sie gibt es wenig Finanzierung in dem Bereich. Ähnlich sind die Schwierigkeiten auch bei der Arbeit mit Erwachsenen. Die Zusammenlegung der Agenden der besser etablierten Jugendarbeit und der Erwachsenenarbeit bei den verantwortlichen Stellen in Niederösterreich führt dazu, dass für die Entwicklung einer zeitgemäßen Erwachsenenarbeit wenig Ressourcen vorhanden sind.

Die Soziale Arbeit hätte viel Potential, erwachsenen Menschen psychosoziale Unterstützung zu bieten. Sie wendet sich gegen ein defizitorientiertes Bild im Umgang mit Klientinnen und Klienten. Ihr Ziel ist, die Entscheidungsfreiheit der Betroffenen unterstützen und kann auch für ihre Angehörigen einiges leisten.

Auch das interdisziplinäre Forschungsprojekt Umbrello beschäftigt sich mit dem Leben im Alter. Wie wirkt sich die Kooperation mit anderen Fachgebieten und Institutionen auf die konkrete Arbeit der WissenschafterInnen am Institut aus?

In den vergangenen Jahren haben wir von der interdisziplinären Zusammenarbeit sehr profitiert. In den Projekten Brelomate und Umbrello verbanden sich das Know-how von Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Medientechnik mit Zugängen aus dem Arlt Institut. Gemeinsam entwickelten wir eine Kommunikationsplattform für ältere Menschen, die der Vereinsamung vorbeugen soll. Dabei kam der Zugang des User-centered Design zur Anwendung, der die NutzerInnenperspektive in den Mittelpunkt stellt.

Ziel war, durch die Zusammenführung der beiden Perspektiven eine Anwendung zu entwickeln, die sehr nutzerInnenfreundlich ist. Wir konnten dabei unser Wissen über Partizipation einbringen. An wenigen Fachhochschulen arbeiten die Disziplinen so eng zusammen. Wenn wir die disziplinären Grenzen hinter uns lassen, können alle Beteiligten davon profitieren.

Auch in anderen Bereichen ist die Soziale Arbeit zunehmend mit digitalen Medien konfrontiert und Digitalisierung steht im Fokus der Arbeit des Arlt Instituts in den kommenden Jahren. Welche Herausforderungen bringt die digitale Welt für die Soziale Arbeit mit sich?

Digitalisierung hat nicht nur mit technologischer Entwicklung zu tun. Gesellschaft verändert sich durch sie. Es entstehen Chancen, aber auch Gefahren von Exklusion. Soziale Medien ermöglichen Menschen, die bisher keine Aufmerksamkeit bekommen haben, sich zu präsentieren und andere zu erreichen. Andererseits  verlieren viele Menschen ihre Jobs.

In Zeiten der Digitalisierung gewinnen die Begriffe Inklusion und Exklusion eine neue Bedeutung. Wir müssen Wege finden, mit diesen Entwicklungen umzugehen. Dazu benötigen wir breitere Zugänge, wir dürfen nicht nur den technischen Aspekt beachten, sondern auch die gesellschaftlichen Veränderungen die sich in damit ergeben. Auch Datenschutz spielt eine Rolle.

Die Soziale Arbeit ist auch direkt betroffen, etwa in der Jugendarbeit. Im Zuge der Digitalisierung ist es erforderlich, die digitalen Lebensräume der Jugendlichen kennen zu lernen. Für die Soziale Arbeit spielt Know-how im Umgang mit den digitalen Medien somit eine große Rolle.

Worin sehen Sie persönlich die größten Herausforderungen der Sozialarbeitswissenschaft der kommenden Jahre?

Der Punkt ist: Wir müssen den gesellschaftlichen Wandel verstehen. So können wir erkennen, wo neue Exklusionen entstehen und können für die Soziale Arbeit neue Felder erschließen.

Eine andere Herausforderung ist, in der bestehenden Forschungslandschaft neue Möglichkeiten zu finden. Die Sozialarbeitswissenschaft hat eine Randstellung, es gibt für sie keine eigenen Forschungsschienen. Wichtig ist, dass wir weiterhin auch Themen besetzen, für die wir keine Drittmittelfinanzierung lukrieren können. Hier kommen die Projekte im Rahmen der Lehre ins Spiel, die eine spezielle Rolle für das Institut spielen.

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