Haselbacher: "Menschen in Hilfeprozesse einbinden"

FH-Professorin Christine Haselbacher

arlt.dialog #6: Christine Haselbacher im Gespräch

Seit Jänner 2018 leitet Christine Haselbacher das Department Soziales. Zusätzlich ist sie für die Leitung des Bachelor Studiengangs Soziale Arbeit und die Lehrgänge Sozialpädagogik und Familienrat verantwortlich. arlt.dialog sprach mit ihr über aktuelle Herausforderungen in der Sozialpädagogik.

Die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik entwickeln sich ständig weiter. Wo sehen Sie aktuell die gravierendsten Änderungen?

Soziale Arbeit konnte ein wesentlich weiteres Profil entwickeln und ausbauen. Seit jeher war sie Bittstellerin um öffentliche oder Spendenmittel, um Not von Einzelnen zu lindern und sozialen Frieden durch Reparaturen sicher zu stellen. Nun ist sie, nach Jahrzehnten weiterer Professionalisierung und angewandter Forschung, auch gefragte Expertin für die Gestaltung von gedeihlichem Zusammenleben für alle und für das Leben im Sozialraum.

In den letzten Jahren hat, mit Blick über den österreichischen Tellerrand, ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Insbesondere wenn sie behördlich beauftragt ist, ist Soziale Arbeit ein sehr mächtiges Instrument. Verstärkt werden nun auch NutzerInnen der Sozialen Arbeit ermächtigt, und wir entwickeln neue Modelle, um Menschen in den Hilfeprozess einzubinden oder ihnen diesen mit der passenden Unterstützung zu überantworten.

Sozialarbeit und Sozialpädagogik sind eigenständige Professionen, die intradisziplinär eng zusammenarbeiten. Durch die Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen, Berufsverbänden, NutzerInnenvertretungen, NGOs, Behörden und Wissenschaftsgesellschaften gelingt der Theorie-Praxistransfer und die gemeinsame Weiterentwicklung von Methodik und ihrer Umsetzung.

Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen stellen die sozialarbeiterische und sozialpädagogische Praxis vor große Herausforderungen. Welche Rüstzeuge erlangen die Studierenden an der FH St. Pölten, um mit aktuellen Entwicklungen umgehen zu können?

Die Funktionen einer Bittstellerin, ausgestattet mit dem Mandat der Sozialen Arbeit und dem ihrer NutzerInnen, sowie der gefragter Expertin, ausgestattet mit dem Mandat der Sozialen Arbeit und dem der Gesellschaft, sind geblieben. Das fordert von Studierenden wie von PraktikerInnen eine Rollenvielfalt und -sicherheit in verschiedenen politischen Kontexten und unterschiedlichen kommunikativen Prozessen. Wir tragen dem Rechnung, indem wir unsere Lehrpläne stets adaptieren, die Absolvierung von Praktika in das Studium integrieren und den Studierenden ermöglichen, an Veranstaltungen und Kongressen sowie in Lehrforschungsprojekten teilzunehmen. So tragen wir der geforderten Flexibilität fachlich Rechnung.

Neben der methodischen Ausstattung, die die Studierenden auch in der eingerichteten Inklusionsberatung an der FH erproben können, geben speziell die Forschungsprojekte stets aktuelle gesellschaftliche Aufgaben. Heuer bieten wir unter vielen anderen "Diversity matters – Antidiskriminierungsarbeit in Organisationen der Sozialen Arbeit" oder "Alternative Ergebnismessung bei der Arbeitsmarktintegration – Qualität der Qualität", um zwei Bachelorprojekte zu nennen oder "Soziale Innovationen im gesellschaftlichen Transformationsprozess", so ein Masterprojekt. Gefundene Antworten stehen einem breiteren Publikum zur Verfügung und werden gegebenenfalls durch die Studierenden auch der Politik übermittelt.

Ringvorlesungen und Tagungen gehen auf unterschiedliche Facetten des Sozialstaats ein. Studierende können den Gästen aus Politik und Wirtschaft kritische Fragen stellen. In einem Forum zu Ankündigung von Veranstaltungen gehen allen Studierenden Einladungen und Hinweise auf relevante Aktionen zu.

Wie reagiert das Department Soziales auf den gegenwärtigen Wandel?

Selbstverständlich erfüllen uns die Entwicklungen mit Sorge und auch mit Unverständnis. Österreich bekennt sich wie alle Staaten Europas durch gültige Verträge zu den Menschenrechten. So hat die Bundesregierung die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung  unterzeichnet und sich 2016 der Agenda 2030 der Vereinten Nationen angeschlossen. Ein Credo lautet: "No one will be left behind." Wie kommt es, dass wir etwas ganz Anderes erleben, nämlich auch strukturelle systematische Ausgrenzung von Menschen? Wenn sie arm sind, für den Arbeitsmarkt nicht taugen oder den falschen Reisepass besitzen?
Seitens des Departments melden wir uns auch öffentlich zu Wort, wenn es unser Mandat erfordert.

Die FH St. Pölten arbeitet laufend an der Weiterentwicklung ihres Aus- und Weiterbildungsprogramms im Bereich der Sozialen Arbeit. Welche Neuerungen wird es in den kommenden Jahren geben?

Im Übrigen ist auch das ein Ziel der nachhaltigen Entwicklung, hochwertige Bildung für alle zu ermöglichen. Es geht darum, Hürden abzubauen, und sowohl die Zugänge zu höherer Bildung, als auch die Studierbarkeit bei anhaltend sehr guter und noch verbesserter Qualität, flexibel zu gestalten. Nicht nur im sozialen Bereich finden Menschen auch mit brüchigen Schulbiografien Anstellungen. Infolge braucht es neben Weiterqualifizierungen auch Grundqualifizierungen und vielfältige Möglichkeiten vom Besuch eines kurzen Seminars bis zu akademischen Abschlüssen ganzer Lehrgänge.

Eine große Herausforderung, die uns derzeit beschäftigt, ist die Umstellung von auf Semester ausgerichteten Curricula für geschlossene Jahrgangskohorten zur Etablierung eines modularen Weiterbildungssystems, das individuelle Studienpfade ermöglicht und Kompetenzorientierung systematisch umsetzt.

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